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Nacht 80

Ich hänge majestätisch und bewegungslos wie ein Albatros in einer mir sehr zuträglichen Briese, schwebe mit von unten erwärmten Schwingen auf der Schwere der Welt, aale mich im Sonnenlicht.

Unter mir fegt mein Schatten über Steppen hinweg, so weit und so bevölkert.
Überall drängen sich Tiere über Tiere, treten, stoßen, quetschen, der Gestank verweht sich nach hier oben, doch ich kann ihn sehen, kann mir vorstellen wie es ist mit der Zunge über diese Niedrigkeiten zu fahren, über wie Schweine wirkende Gazellen, die kleinen Kriechtiere, die durch die Leiber noch größerer Tiere nach oben lugen wie ein Höhlenbewohner den zuckenden Schatten bestaunen, den er weder versteht noch jemals selbst werfen wird.

Doch sie sehen keinen Schatten, bloß ein kurzes Flackern des ihnen Hoffnung gebenen, bloß für Bruchteile eines Augenblicks existierenden Fensters, gebildet aus jenen, die dort unten die ganze Welt ausmachen.

Die anderen.

In jeder Zeit hatten die Menschen Momente, in denen sie sich als der König der Welt fühlten.

Aber nun endet die Jugend nicht mehr.

Ich könnte in Windeseile auf diesem Berg sein oder Ozeane überqueren. Allein, kein Schiff notwendig.

Auch wenn ich nicht der König der Welt bin, gibts es doch niemanden, der mehr König wäre. Nicht über Menschen, sondern worüber es sich lohnte König zu sein. 

Über sich selbst.

 Bei jeder der vielen Briesen, die meinen Flug kreuzen, weht ein Hauch in der Luft, wenn ich die Augen schließe und mich konzentriere kann ich wittern, was darin steckt.

Ich rieche den Duft vieler Frauen, sie erinnern mich an die Zeit, die dieser Flug beendet, an viele Momente, denen dieser Flug gewidmet ist, der Start jedoch nicht.

Zwischen den Wolken zeichnen sich Gesicher vieler Frauen ab, die alle gleich sind. 

Jede einzelne von ihnen einzigartig.

Ich werde ein letztes Mal genau hinsehen, ob sich darunter nicht doch etwas einzigartiges versteckt; unter dem neuzeitlichem Dreck, der einzig in ihrem Kopf steckt, vermeindlich verdeckt unter dem Mantel der Anonymität, doch für jeden sichtbar, der in ihre Augen sieht, so durchdringend, so einnehmend, dass sich der Schmutz aus ihrem Kopf durch die Augen über ihren Leib ausbreitet, ihren Körper in die hässlich und abstoßende Haut der Schande steckt, die  unansehnlicher ist als jede von Kot und Dreck bedeckte Haut eines Mädchen im tiefsten, niedrigsten Mittelalter.

 

Der Albatros verharrt in der Luft und lässt sich bewegungslos in die Tiefe ziehen, man fällt nicht, man lässt sich fallen.

 

'Lange Beine machen' heißt es immer.
Das Land wird hügliger, ich bin fast da.
Schade, dass der Boden irgendwann kommen muss.

28.7.10 08:41


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Tag 78

>Kennst du das Spiel "Verstecken"?<
"Na klar. Aber was willst du tun, es hier spielen?"
>Hast ja Recht, könntest dann entweder hinter der Wand sein oder im Wasser. Nagut, fällt dir noch n Spiel ein?<
Er schüttelt den Kopf.
Wir schweigen uns ne Weile an, sind in Verlegenheit zu reden.
Dann sagt er: "Weißt du, ich komm eigentlich aus nem kleinen Viertel. Also als ich klein war. Gut, als ich klein war war jedes Viertel klein. Ich meine nur, dass meine Familie eher unter dem Mittelstand lag.
Vielleicht war es auch der Umstand, dass ich keine Kinder hatte, dass ich genau dieses Leben geführt habe."
>Ich kann mich nicht an mein Leben erinnern.< sage ich.
"Na du Glücklicher. Das heißt dann auch, dass du keine schlechten Erinnerungen hast, was?"
Ich bin echt froh, dass er vor ein paar Tagen vorbeigekommen ist. Schwomm hier so durch, wurde auch verarscht, sagt er. Hat sein Boot verloren und ist heilfroh jemanden gefunden zu haben, mit dem er reden kann.
"Kannst dich dann auch nicht an die große Krise erinnern, vor, naja lass mich nicht lügen, ungefähr 19 Jahren? Na ich denke schon. Das war ne heftige Zeit, hat aber auch gleichzeitig zu der größten sozialen Revolution der vergangenen zweitausend Jahren geführt."
Er ist wirklich ein netter Kerl, sieht echt elegant aus, hat n unverschämt charismatisches Grinsen ohne auch nur den Anflug von Arroganz anzudeuten.
>Ach ja? Na dann erzähl mal.<
"Das hat alles schon viel früher begonnen. Die Gesellschaft wurde geteilt. Sag mal weißt du echt gar nichts mehr davon?"
Ich schüttele den Kopf, weiß nicht ob das gut oder schlecht ist.
"In meinem Geburtsjahr wurde die letzte kontinentale Regierung gegründet. Zweiundzwanzig Jahre später, als der Mars eröffnet wurde, beschloss man gleichzeitig die globale Regierung endlich durchzusetzen. Noch immer regional regiert von den jetzt an Bedeutung verlorenen Kontinentalregierungen.
Natürlich war das auch nicht besser, doch alle Menschen waren satt und hatten seit mehr als 100 Jahren nichts gegen ihre Regierung getan, wieso denn auch,  satte Leute beackern kein Feld.
In den dreißiger Jahren schließlich kam die Regierung auf die gloreiche Idee die Menschheit zu trennen. Und war nach Intelligenz.
Alle Familien, jeglicher Kontakt der Leute untereinander wurde auseinandergerissen und auf zehn Gebiete verteilt, nach Intelligenz gestaffelt und mit scharf bewachten Grenzen."
Ihm scheint das Reden sehr zuzusetzen, er sieht angewidert aus.
"Weißt du, die Leute durften sich nicht mehr sehen.
Die jeweilis unterlegene Gruppe durfte die nächsthöhere sehen. Doch nur einseitig, damit die Höheren von den anderen nicht abgewertet würden."
Er beugt sich über den Rang des Bootes und nimmt einen tiefen Schluck der schwarzen Flüssigkeit.
"Auf jeden Fall hat genau das, diese bodenlose Frechheit zu einer Revolution geführt, die beispiellos bleibt. Entgegen aller Erwartungen nämlich, dass der Pöbel zu primitiv sei um zu revoltieren, mit steigender Intelektualität die Agressivität fehlt um diese durchzusetzen und dass ein Zehntel jeweils zu wenig sei um effektiv Widerstand zu leisten, schlossen sich Menschen aus allen zehn Zonen zusammen und konnten nicht bloß die globale Regierung stürzen, sondern auch gleich eine Folgeregierung stellen, die sich dadurch von den früheren unterschied, dass sie keine Staatsoberhäuper kannte, sondern Entscheidungen in gewöhnlichen Gerichtsprozessen gefällt wurden, die ein jeder Erdenbürger verfolgen und Veto einlegen konnte.
Na und wie gesagt, das geht jetzt seit zwanzig Jahren so und ich bin nicht nur zufrieden, ich bin überglücklich damit."
26.7.10 19:23


Tag 71

Ich bin jetzt dreißig Tage auf See.
Dreißig Tage ohne Nahrung.
Nicht bloß die Angst vor dem Tod, auch das Körperliche, das Nicht-Essen setzt mir zu.
25.7.10 14:09


Tag 65

Das Programm wiederholt sich. Nach schätzungsweise 24 Tagen wiederholt es sich also.
Habe gestern rausgefunden, dass das Boot weich genug ist um Kerben mit den Nägeln reinzuritzen.
Nicht genug zum notieren.
Aber zum zählen.

25.7.10 14:08


Das Fallen - von Hanur Apelt

Ich wünschte, ich wüsste nicht mehr, was mich stieß.
Doch ich falle.
Bin auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde, dieses Loch scheint bodenlos, scheint so vertraut, der Plan so vollkommen, dass nichts schiefgehen kann.
Der Fallschirm liegt bereit, kurz bevor ich da sein werde, liegt er deponiert.
Alles war perfekt, das Fallen so spannend, ein endlos langer Schauer, der mir den Rücken runterschießt, mir das Herzklopfen eines Gejagten, das Gesicht eines Jägers und die Zuversicht eines Königs beschert.
Je näher ich dem Mittelpunkt komme, desto kälter wird es, der Schauer auf meinem Rücken gefriert darauf, schnürt mich ein, ich mache mir keine Gedanken, das warme Feuer des Zentrums wird mich schmelzen, mich eins machen mit ihm, dem ewig warmen Feuer der Geborgenheit.

Schon so manches Mal stieß mir die Erde, in die ich zu fahren gedenke scharfkantige Wurzelspitzen zwischen die Rippen, ließen mich bluten, das Blut sofort zum Mittelpunkt fahren, mit einem leichten Zischen verdampft es darauf wie Irrlichter, leitet mich, lässt mich mich zufrieden fühlen.
Diese Wurzeln gaben mir den Verdacht, dass die Erde mich nicht wollte, mit der ich eins sein wollte, dass sie mich bloß aus Gefälligkeit passieren ließe, sich den Thrill geben ein menschliches Wesen durch sich hindurch fahren zu lassen.

Bin vor mehr als zwei Monaten gestoßen worden, eine gewaltige Erde, so groß und weit, dass es ein Leben bräuchte um ihre Oberfläche kennen zu lernen. - Oder mehr.

Doch ich bin auf der Suche nach ihrem Kern, nicht ein jeder wird dort hinein gelassen, oh nein, es bedarf schon einer göttlichen Fügung, dass man der Auserwählte sein würde.
Ich jedoch war sicher, dass es kein Zufall sein kann, kein böser Schicksalsschlag, dass genau ich hinein gestoßen wurde.
Ich würde mein Glück dort unten finden, dessen war ich mir gewiss.

So rase ich mit reißender Geschwindigkeit auf das zu, was meinem Leben Sinn geben wird, meiner Reise Inhalt.

Plötzlich schwebt ein großer Brocken vor mir, ein Teil der Erde, die von mir Besitz ergriffen hat, mich buchstäblich umgiebt, umschließt, mein ganzes Sein bestimmt.
Doch statt gegen mich zu rasen, scheint die Welt mir ihre Hand entgegen zu strecken.
Voller Enthusiasmus nehme ich sie, diese Hand, die mir das Paradies erhellt, mir zärtlich warm ins Gesicht haucht, dass alles gut würde, dass egal wie schlimm die Umstände gegen mich ständen, diese Hand alles ist was ich brauche; dass ich alles bin, was sie braucht.
Wie sehr ich alleine diese Hand liebte, die mir so plötzlich wieder entrissen wurde, so plötzlich und ohne Vorwarnung wieder in die von mir vergötterte Erde fuhr, wie sie mir erschienen ist.
Seit ich vor einer Woche diese Hand Gottes, der Mutter Erde Hand halten durfte, erhellte sich mein Ziel, ich war fast da, ja sogar Freudentränen schenkte ich ihr, die ebenfalls zischend auf der Oberfläche ihres Zentrums verdampften, ein wenig die Dunkelheit erhellten und mich in warmen Dampf hüllten, der von ihrer Mitte aus emporstieg, mich in den Dunst hüllten,

geliebt zu werden.

Nach zwei Monaten konnte ich nicht anders als zweifeln. Als ich die Hand Gottes in Händen hielt, zweifelte ich daran, ob ich den Sturz überleben würde, ob ich den Fallschirm schnell genug packen könnte.
"Ich habe Angst." flüsterte ich der mich streichelnden Hand sanft auf die Finger.
Da erfuhr ich das erste Mal eine Reaktion von ihr, von Mutter Erde.
Sie schloss für einen Augenblick ihre Augen, nahm mir das hinterhereilende Licht, hüllte mich in sich ein und flüsterte mir leise ins Ohr:

 "Ich auch."

Dann öffnete sie sie wieder, meine Vergangenheit wurde hell, die Zukunft gewohnt in blumige Schwärze gehüllt.
Wer oder was auch immer mich gestoßen hat muss mich enorm lieben, eine schönere Zukunft hat niemand auf der Welt vor sich.

Nachdem ich nun zweieinhalb Monate falle wird es langsam immer und immer wärmer, ein warmes und weiches Gefühl spült meinen Körper durch, erreicht jede Pore, verbindet sie mit der so geliebten Erde, jenem vollkommenen Wesen, welches sich erbarmen würde sich mit mir, einem ihr nicht würdigen Menschen, einzulassen.

DA! Da vorne, nur noch wenige dutzend Minuten freien Falls entfernt erkenne ich bereits den Fallschirm! Man hat mich nicht betrogen, der Himmel existiert wirklich, alles war wahr, ich bin der glücklichste Mensch der Welt! Wie würde ich mich wohl bedanken bei ihr, der Welt, der ich unendlich dankbar bin, der ich mein Seelenheil verdanke, der ich meine Liebe schenken werde und sie niemals im Leben wieder unglücklich sehen wollte? Wie bedanke ich mich bei dem Engel, der mich hinabstieß auf diese wacklige, heiße und kalte, wohltuende und schmerzende Reise zum Ende meines Darseins als Hungernder?

Doch was ist das? Nein! NEIN! Nein das kann nicht sein, wenige Minuten vor mir schließt sich die Erde, das Loch wird versiegelt, ich bin verraten, verkauft, hinabgeworfen auf eine Reise ohne Wiederkehr!
"Bitte lieber Gott" bete ich, "bitte lass nicht zu, dass das Wesen, welches ich für unfehlbar hielt, was mir und meiner Seele Frieden geben sollte, mich nun verlässt!
Oh Gott lass nicht zu, dass ich hier unten sterben muss; dass ich so kurz vor dem Ziel die Strafe erhalte, die für keine Tat angemessen wäre!
Bitte Gott, Bitte Mutter Erde.... lass mich nicht im Stich." weine ich.

Vergebens, die letzten Sekunden vor dem Aufschlag waren die Schlimmsten, ich sah die hässliche mich auslachende Fratze Mutter Erde, die mich von oben, von unten, von allen Seiten, ja sogar von den Innenwänden meiner Seele, meines eigenen Kopfes auslacht, sich umdreht und mich allein lässt im Dunkeln.

Dann schlage ich auf.

Breche mir das Rückgrat.

Und doch wird es mir nicht vergönnt mein Ableben zu bestreiten, ich bleibe liegen, das gebrochene Rückgrat bohrte sich in meinem Kopf, Teile meines Kreuzes splittern in meinem Kopf, einige drehen mir den Magen um, manche stoßen durch meine Muskeln, nehmen mir die Fähigkeit zu wüten, machen jede Bewegung unerträglich. Wieder andere fahren mir aus der Haut, durchstoßen meine Hände und binden sie an die, die mich nicht will. Nie wollte. Doch am schlimmsten sind jene Splitter, die mir durchs Herz brechen, sie stoben umher, reißen kleine Stücke heraus, setzen sich zwischen die Fasern und bereiten mir nicht aushaltbare Schmerzen, wenn ich einatme, wenn ich SIE einatme; der Geruch ist hier unten am Stärksten, direkt vom Zentrum strömt der süße mich verführende Geruch hinauf, legt sich in meine Nase und sticht mir in den Leib, wenn ich ihn einatme, wenn ich in mich fahren lasse, was mich nicht lässt.

Ich bin nicht tot, bin zweieinhalb Monate gefallen um hier auf dem Boden der Tatsachen nicht zu sterben, viel schlimmer noch: Ich sehe nach oben, da lacht mich die Oberfläche an. Dort muss ich hin.
Ich reiße meinen Körper nach oben, breche die Splitter aus meinen Händen, die mich an sie ketten, stoße einen unsäglich schmerzhaften Schrei des Leides aus. "AAAAAAAAA" schreie ich riesige eiskalte Tränen weinend.

Will hassen, jede Bewegung verursacht mir Knirschen in den Gliedern, doch ich schwinge mich an die warmen Wände der Erde, der ich nicht verzeihen kann und will töten.
Will jenen töten, der mich hinabstieß, will Vergeltung für zweieinhalb Monate des Fallens, will Entschädigung für den viele Monate lange dauernden schmerzenden Aufstieg aus der Höhle, die mich vergaß. Ich werde ihm die Zähne einzelnt zertrümmern, ihm Hass ins Gesicht husten und ihn danach selbst hinabstoßen. Hier hinunter, in die verschlossene Höhle der Wunder.

Mehr als einen Tag schleppe ich mich erst mühselig nach oben, so viel Zeit noch vor mir, so viel Phantasie was die Rache angeht. Ich klettere flink, klettere heulend hinauf, haue meine Pranken rücksichtslos in die mich verratenen Wände, bohre mich tief in sie hinein, suche den mir verwährten Halt, immer die Rache vor Augen, die mich antreibt und die Schmerzen vergessen lässt.

War es vielleicht Mutter Erde selbst, die mich stieß? War sie es, der ich mein Leben der Vergeltung widmen werde, die weder Recht noch Unrecht für andere kennt?

Nach 3 Monaten des Kletterns komme ich an der Stelle an, an der sich die Hand der Mutter Erde gelöst hatte, das Loch in der Wand ist wie ein Spiegel, in der ich mein in Fetzen liegendes Herz sehe, jedenfalls den Krater, der mal mein Herz war, das mir heißes liebendes Blut durch die Adern presste, mich motivierte, mich vom Zweifeln abhielt.

Plötzlich wird mir gewahr, wer mich damals stieß, ich sehe sein Gesicht vor mir, der Anblick raubt mir die Stärke, mein Kraftloser Körper verliert den Halt, lässt die nach oben führenden Wände los und fällt abermals. Dieses Mal sind es jedoch die Schmerzen, die den Fall bestimmen, es ist eine große Gewalt, die mich machtlos macht, mich unfähig macht an Glück zu denken, jemals die Aussicht darauf zu haben.

Ich schlage abermals auf dem Grund auf. Macht nichts, mein Rückgrat ist längst gebrochen, die Splitter lassen meinen ganzen Körper bluten - von außen wie von innen - ich stehe mit vom Weinen ausgezehrten Augen am Grunde meines Darseins, am tiefsten Punkt meiner Seele und starre mit diesen schmerzend nassen Augen nach oben, weine um mich, fühle den Schmerz weit über meinen Leib verteilt und packe erneut die Wände, dieses Mal kraftlos, ohne Hoffnung.
Denn ich sah nun, wer mich stieß.

Ich stieß mich selbst.
23.7.10 22:32


Tag 63

Die Angst steigt doch irgendwann zu verhungern.
Fühle mich zunehmend schwach.
Starte heute meinen letzten Versuch mein Leben zu verlängern.
Kann mich auch nicht mehr der Flimmerwand entziehen wie am Anfang. Ich höre sie Tag und Nacht. Sogar beim Schlafen liegen mir die krakelenden Stimmen in den Ohren, einzig wenn ein stummes Progamm läuft kann ich einschlafen.
Habe den Entschluss gefasst, den Supernatürlichen zu vertrauen und zu suchen. Meiner Vermutung nach ist unter dem Boot eine Angel versteckt. Muss sie, wo denn auch sonst, hinter der Flimmerwand hab ich schon vor Wochen nachgesehen.
Einzig die Angst davor das Boot zu verlieren und hilflos im dunklen Ozean zu dümpeln haben mich bisher davon abgehalten unterm Boot nachzuschauen. Das ist jetzt nicht mehr notwendig, wenn entgegen meinen Erwartungen keine Angel unter dem Boot ist, ist es auch egal, ob ich das Boot verliere oder nicht, dann ginge ich eh innerhalb von Minuten unter, so schwach fühle ich mich.
Zögernd liege ich auf dem Bauch, sehe in die dunkle Tiefe. Das wird nun ganz schnell gehen. Entweder ich finde eine Angel und lebe. Oder ich finde keine und bleib direkt unten, ganz einfach.
Wie ein Fisch will ich vom Schiffchen ins Wasser gleiten, doch meine Rippen reiben und rumpeln eher über die Reling, es tut saumäßig weh, doch als es fast vorbei ist schnapp ich so viel Luft wie in meine Lungen passt.
Kalte Nässe umspült zum ersten Mal meinen ganzen Körper, es ist kalt; glitschig unter dem Boot, wie fühlt sich eine Angel eigentlich an?
Stöber in der Schwärze, suche das kleine Boot ab, taste umher und der Druck in meinem Inneren wächst.
Noch gebe ich nicht auf, die Angel muss hier irgendwo sein.
Ein zweiter Versuch. Schnell nach oben Luft schnappen und weiter gesucht. Glibber scheint auf der Unterseite zu wachsen, das Boot hat allerlei Konturen im Wasser, suche nach Schaltern, nach Klappen oder Hebeln, irgendwas müssen die Supernatürlichen da versteckt haben.
Stundenlang suche ich jeden Zentimeter vom Boot ab, formte ein vollständiges Bild in meinem Kopf, in dem jedoch keine Angel zu finden war.
Doch nach dieser erfolglosen Suche war mein Abenteuergeist geweckt und ich suchte nach weiteren Möglichkeiten meinem Schicksal zu entrinnen.
Hab das Boot nicht verloren, was war ich nur für ein Thor, sterben zu wollen.
Jetzt geht die Suche erstmal los, wenn sie nicht im materiellen zu finden ist, so muss sie im Kino sitzen.

Dinge die mir wichtig erscheinen notiere ich mir indem ich sie in Gedanken an Körperteile oder bestimmte Stellen des Bootes setze.
Kann mir so nur die wichtigsten Sachen aufschreiben.
Was ist wichtig, worauf soll ich achten?
Ich muss die großen Zusammenhänge erkennen, die Botschaft lesen. Vielleicht die Abfolge der einzelnen Sendungen, vielleicht das, was sie aussagen.

Kann keinen klaren Gedanken fassen.
Bin zu hungrig.

Bin dabei

zu sterben.

16.6.10 16:25


Tag 56

Hab vergessen, dass die Supernatürlichen uns beobachten. Sie erwarten von mir, dass ich das Rätsel löse.
Sehe gespannt auf die flimmernde Tafel, versuche alles, was mir dargeboten wird, mitzunehmen.
Simone war mit Sebastian verheiratet, bevor er sie für Rebecca versetzen konnte, Harald war schon zwei mal mit Loretta zusammen, weswegen weiß kein Mensch, die hass ich wie die Pest.
Sie gehen immer in irgend ein Cafe, trinken die meiste Zeit.
Die jüngeren Leute gehen ständig was trinken, gehen scheinbar nie zur Schule, arbeiten auch nicht, wohnen aber in einer auffällig großen Wohnung, gehen ständig auswärts trinken, schicken sich gegenseitig immer gewaltige Sträuße Blumen und essen ausschließlich unmittelbar am Kühlschrank.
Die älteren Leute gehen scheinbar auch nie arbeiten und machen an sich das Gleiche. Der einzige Unterschied ist, dass die nicht am Kühlschrank essen.
Auch reden die alle sehr überspitzt, als redeten sie für jemand drittes.
Caro ist die Sekretärin von Mark, seine Geliebte ist sie auch und nebenbei vertreibt sie sich die Zeit damit das Miststück zu spielen und hetzt nahezu alle Beteiligten aufeinander auf. Das kommt aber nicht so willkürlich rüber weil sie das ständig machen muss. Ihr bleibt auch keine Wahl, gut, sie könnte auch den netten Weg nehmen aber so ist Caro nunmal nicht. Davon abgesehen spricht die Musik immer klare Sätze. Manchmal hasse ich Caro, dann wieder ist sie mir sehr sympatisch und ich denke, dass Mandy eigentlich das Miststück ist. Leo redet nicht viel, Emma ist dafür total überdreht, genauso wie Simone eigentlich nur ist Simone blond und Emma schwarzhaarig und viel jünger als Simone, weswegen ihre Überdrehtheit noch deutlicher zu Tage kommt.

Seit 21 Uhr (geschätzer Tageszeit) lief dann wieder dieser Typ mit seiner Frau, den ich mal im Garten beobachtet hatte. Er war alleine und er hat mehr als zwei Stunden damit zugebracht in einem Boot zu liegen und auf einen Fisch zu warten.
Wie ein Wahnsinniger suche ich den Hintergrund und jeden Zentimeter seines Körpers auf Hinweise ab. Wenn er alle viertel Stunde mal die Angel einholt und wiede auswirft versuche ich alles zu merken, achte auf jede Kleinigkeit, doch kein Schild "hier ist der ausgang --->" oder was mir sonst helfen könnte. Ne schöne Landschaft, vielleicht Kanada, vielleicht.
Nadelbäume im Hintergrund, das Wetter ist schön.
Irgendwann schlafe ich ein.

16.6.10 16:25


Nacht 51



Plötzlich bin ich in einem Gebäude mit riesigen Appartements, wirklich riesige Räume und sehe den Freund meiner Mutter. Hab das Gefühl ein ganzes Jahrzehnt verpasst zu haben, ihn ewig nicht gesehen zu haben.

Ich sehe einen Kokon aus starrer grobmaschiger Textur, sie ist braun, dicke braune Jutefäden und doch starr.
Durch die feinen Löcher erkenne ich, wer sich darin befindet. Es ist meine Mutter. Weiß gar nicht, seit wann sie die Toten so aufbaren. Ich sehe nicht in ihre Augen, bloß ihre Wangen. Sie wirkt jung.
"Seit wann seid ihr denn nicht mehr zusammen" frage ich ihn teilnahmslos. Kann sein Gesicht nicht erkennen.
Wieso wohnt er in so einer überdimensioniert riesigen Wohnung?
Wenn du nach 10 Jahren aus deinem Leben aufwachst führst du nicht das Leben weiter wie nach 10 Stunden Schlaf, es ist dann nicht mehr da.
Sehe den Kokon, er sieht brüchig, trocken, irgendwie zerbrechlich aus, so wie sie.
Die Gedanken an andere Leute ausser meiner Mutter und ihrem Freund sind nicht greifbar. Sind da überhaupt noch Leute?
Wache auf und meine Mutter ist tot. Phantastisch. In einer sich schnell verändernden Welt hab ich einfach mal 10 Jahre oder länger geschlafen. Fein.
Aufwachen bitte.

20.6.10 19:39


Tag 45

Ich sitze hier zitternd und starre die hässliche dunkle Fratze mir gegenüber an, die flackernde Wand hinter mir beschallt mich mit inhaltlosem Einerlei und ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Plötzlich aufgeschreckt, war ich wach? Was ist gerade passiert? Wann hab ich das letzte Mal auf die Uhr geguckt? Was hab ich die ganze Zeit getan? Nichts; was hab ich gedacht?
-Große Leere.

Als ich die Augen ins Leere aufschlage, zieht es mich hoch und an Massen von Staub, der auf mir drauf und tief in mir drin sitzt, dass ich sehr tief husten muss, mich schmerzhaft, als hätte ich Holzsplitter eingeatmet, nach vorne beuge und noch im schockierenden Moment des Hustens wird mir bewusst, dass ich nicht tot bin.

Irgendwo im hinteren Teil meines Kopfes ist eine Angst zu Hause, die ich nicht einmal wage auszusprechen.
16.6.10 16:24


Tag 42

Ich schlief gestern ruhig ein. Den ganzen Tag, beziehungsweise die ganze wache Zeit verbrachte ich regungslos, auf die Atmung konzentriert und wissend, dass es bald zu ende geht. Diese Nacht würde ich sterben, kein Wunder in Sicht, keine Reue.
Was würde ich auch vermissen, das Leben so wie ich es jetzt kennen gelernt hab, war nicht das was man sich unbedingt wünscht noch einmal zu durchleben.
Und trotzdem war es schön. Die Vögel waren zwar scheu aber freunlich zu mir.
Die Spice-Girls waren ein Wegbegleiter; kannte sie von Anfang an, waren so etwas wie ein alter Freund, dessen Gesicht man nicht mehr weiß, doch die Sicherheit die man von ihm bekommen hat in Sehnsucht gehüllt dein neues Ich, den Menschen, den du geworden bist, stützt.
Ein Erlebnis war es auch, diesen monströsen Kackehaufen zu sehen und erst den Typen, den Menschen ohne Gewissen und doch mit einem Lächeln, welches dich zuHause fühlen lässt.

Frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, das rauchende Monster hätte mich an Ort und Stelle verschlungen.

Doch heute mache ich die Augen auf und erblicke schwarz statt dem erwarteten weißen Gleißen des Himmels. Bin nicht tot, doch ich muss sterben. Wahrscheinlich genau jetzt.
Alles stürzt über mir zusammen, dass ich mich im Liegen auf der Nussschale zusammenkauern muss , die Knie an die Brust ziehe und weine. Erst ganz zögerlich, ganz langsam fließt mir die erste Träne über die Wangen. Als diese den hölzernen Beschlag berüht, folgen diesem Beispiel viele andere.
Weine um mich, um diese Tragödie, darum, dass ich das Leben nicht richtig kennenlernen durfte.
Mir ist so elend, fühle mich wie nie geboren, wie abgeschoben, zurückgelassen, so als hätte man niemals die Absicht gehabt mich jemals abzuholen.
Plötzlich wird mir schlecht, ich stehe auf und kotze in den See. Kotze meine Tränen, meine Gefühle und meinen Schmerz in die See, doch ein Faden ekligen Sabbers bleibt mir an der Kehle kleben, an dem der Schmerz wieder in mich rein klettert und mich - mich unverändert elend fühlend - weiterkotzen lässt.
Ich schreie mit der von Magensäure gereizten Stimme in die Dunkelheit hinaus.
"Du Hure!! Du dreckige Hure, was willst du von mir? Was willst du???? Sieh mich an, ich sterbe! Ich sterbe verdammt und...." mir kommt es noch mal hoch und ich weine meine Magensäure in den See und, weil es mir grad nicht wichtig ist, auch auf den Rand des Bootes, kotze und würge wütend die See an, bis sich das Kotzen in ein Schluchzen und jammern vergeht; weil mir die Worte fehlen schreie ich weinen "aaaaa" in hoffnungslosem Ton, wütend bis zur Haarspitze, dabei verzweifelt bis zur Wurzel.
"Hilf mir" stöhnt mein vom Reihern ausgezehrter Körper, den Kopf über der Relig nach unten gebeugt, die Arme vor der Brust verschränkt, denn mir fröstelt es. Das wird der Tod sein, der mit seiner eisig kalten Sense sie ganz langsam an meinem Rücken entlang schaben lässt und mir jedes Härchen Hoffnung einzeln von meinem Herzen trennt.
Letztlich überwiegt die Wut doch und ich schreie kotzend. "AAAAAA! AAAA zum Teufel!!!"
Dann stehe ich auf und schlage im Wahn auf die Bildertafel ein, breche mir fast die Hände dabei, doch egal, spätestens morgen bin ich sowieso tot, was nützen mir dann meine Hände.
Verspüre diese unmessbare Leere, die Verzweiflung in meinem Kopf bis ich sie nicht mehr aushalte, dann schlägt sie um auf meinem Körper, lässt mich erzittern und schreien, dass ich bald nicht mehr sprechen kann. Fast nicht mehr röcheln, reiße die Augen so weit auf, dass sie schmerzen, will dem Tod ins Gesicht sehen, doch er zeigt sich nicht.
6.6.10 02:36


Nacht 40

Es läuft ein Drama im Fernsehen, die Prinzessin ist in ihren Gemächern, ehe sie vom Bettelknaben abgeholt wird - natürlich in feinste Seide gehüllt, von der Fee gesponnen, seinem eigenen Wunsch vermacht zu ihr zu gehören;
Erinnere mich, dass da auch eine Prinzessin ist, die auf mich wartet.
Schrille Schreie schrecken mich aus meinem schicken Schlafgemach, blinzel einmal kurz, dann sehe ich eine weiße Decke, weißes Bett, weißen Schrank, weiße Tür, die weiße Decke ist gar zauberhaft warm, doch ich stehe auf, will die Stimmen sehen, die mich aus dem Bett gescheucht haben. Der Fernseher ist aus.
Seltsam.
Gehe die vielen Treppen hinunter, vielleicht gibt es einen Aufzug, keine Lust den zu suchen.
Unten erwartet mich eine schlafende Großstadt, Läden unter Wohnungen, Schienen für eine Straßenbahn, sehr hohe Häuser, kleckerweise beleuchtet durch nächtliche Schaufensterwerbung, doch hier her kamen die Schreie nicht.
Gehe zum Hinterausgang, der zum Hof führt und plötzlich stehe ich unmittelbar zwischen zwei streitenden Leuten, die sich auf den Tod nicht ausstehen können. Sie keifen und fauchen, bewerfen sich mit zentnerschweren Anschuldigungen, speien ihren Hass im Innenhof des Blockes herum, bekleckern alles und jeden mit pechschwarzem dünnflüssigem Schleim, der in die Ritzen jedes Hauses dringt, den Mörtel ersetzt und auf die Katze übergeht, die nichtsahnend den Glibber mit den Krümeln von den Fliesen schleckt, sich infiziert unter den Tisch des Hauses legt und böses denkt.
Die Mauer zwischen den Beiden, die durch das Aufeinandertreffen der persönlichsten Hassausbrüche entsteht wird stetig größer, schiebt die beiden auseinander, sie drehen sich um gehen weg, doch plötzlich werden sie langsamer und bleiben an einem dünnen Seil hängen, welches sie um ihre Herzen geschlungen tragen. Der Schmerz scheint so groß, dass sie am ganzen Leibe zittern, während sie sich sehr langsam und mit gesenktem, in Schmerz gehülltem Gesicht durch die sich langsam auflösende Mauer schleppen, jeder Zentimeter durch die Mauer muss schrecklicher sein als der vorherige, nun schleppen sie sich durch immer tiefere, den Kern treffendere Beleidigungen, beide atmen schwer, die Frau schluchzt heftig, der Mann ist zu sehr mit Schmerz durchsetzt als dass er weinen könnte. Auch der Boden verändert sich, er wird fester, es ist sicherer zu treten, doch er wird durchsichtig, man sieht die endlose Schlucht unter sich, deren Boden einen ewig warten lässt.
Ich werde Zeuge einer sehr langsamen Umarmung, die mir ins Mark geht. Die zitternden Arme berühren sich und drücken einander fest an sich. Sehr fest, als wollten sie das Band um ihre Herzen maximal entspannen, fast rücksichtslos, dabei doch liebevoll und verständnisvoll.
Dann gehen sie Arm in Arm zurück ins Haus.
Hinterlassen den Innenhof schwarz gestrichen.
13.6.10 19:04


Tag 40

Ich werde in den nächsten Stunden sterben, der Hunger macht mich müde.
Ich will schlafen, kann aber nicht; ich will nicht schlafen, hinterher wache ich tot auf. Und dann?
Dann werd ich nie wieder in den Genuss dieser amüsanten Trickserie kommen, die ich bisher nur einmal gesehen habe. Lange, doch ein Wiedersehen wäre das Schönste der Welt für mich. Leider werde ich den Tag nicht mehr erleben, an dem dies wiederholt wird.
Ich liege so bequem es mir geht auf dem nussschaligen Boot und zittere.
Denke mir wird kalt, schüttel mich; will kotzen, hab Angst davor.
Das Kino wiederholt diese Schauspiele sehr oft. Vielleicht sinds auch andere, ich hör da nicht so genau hin, bin viel zu beschäftigt damit meine Energiereserven zu schonen, bewege mich fast gar nicht, denke weniger.
Kann man sich selber essen, dass es sinnvoll wäre? Quatsch, daran darf ich gar nicht denken.

Hab geträumt ich sehe einen Zitronenbaum mit weißen Zitronen. Beiße hinein und sie schmecken nach Sand. Dann wach ich auf.

Ein Wurm kroch letzte Nacht in mein Gehirn und singt mir seitdem Klavier vor. Ein klassisches Stück, die Töne kaum greifbar zieht sich ein Muster vor meinem inneren Auge zusammen, dem ich nicht gewahr werden kann, das sich aber auch nicht auflösen mag. Immer und immer wieder spielt sich diese Melodie in meinem Kopf, doch wenn ich sie greifen will, sie reproduzieren, verblasst sie, windet sich weg und sucht sich andere Hörer, die zu würdigen wissen, was man mit dem Verstand nicht greifen kann.
Vielleicht ist es die Melodie der Verhungernden. Man sagt ja auch Ertrinkende vernehmen eine Melodie beim Sterben.

Ich bin allein auf dem Schiff, die Stimmen von längst vergangenen Persönlichkeiten ringen um meine Aufmerksamkeit im Bildschirm, wie lange sie schon tot sind? Vielleicht nicht, vielleicht schon seit Ewigkeiten, doch auch sie können mir keine Gesellschaft leisten, legen keine Hand auf meine Schulter, sprechen mir keinen Mut zu und den Mut den sie mir zusprechen muss ich mühsam aus ihren Lippen rausinterpretieren.

Fühle mich sehr allein in meinem Leben.
6.6.10 02:35


Tag 38

Ich werde bald sterben.

Hab gehört, man fängt nach fünf Tagen ohne Nahrung an zu sterben.

Es läuft nun schon seit über einem Tag etwas ohne Gleichen. Ein Cartoon, der unmissverständlich klar macht, dass Enten und Schweine nicht zusammenpassen.
So humorvoll und voller Güte, wenn es darum geht den Schwachsinn des Lebens zu glorifizieren.
So eine lustige Nacht hatte ich mein ganzes bisheriges Leben nicht, die Ente ärgert das Schwein, das wird sauer und läuft in eine Falle. Trivial, doch hervorragend.
"Was hast du heute zu Mittag gegessen?" fragt die Ente.
"Frag das nicht immer." sagt das Schwein in dummer Stimme. Es ist nicht besonders helle, deswegen kann es nicht viel sagen.

Immer, wenn das Schwein in eine Falle läuft, kommt eine Melodie, die sich aber schon bevor die Falle zuschnappt anbahnt. Ich breche immer schon beim ersten Ton dieser Melodie in Gelächter aus.

Hab mich gefragt, ob die Tragik Teil des Lebens ist. Ich meine bin ich nichts weiter als ein unwichtiger Teil, der sterben muss nur weil so ein Bastard mich auf dieses Boot gesetzt hat?
Es ist bestimmt nur ein Plan. Ein sorgfältig ausgeklügeltes Kalkül, welches mich, ob ich nun will oder nicht, in die richtige Situation lenkt, das zu bestreiten, was noch vor mir liegt.
Es gibt keine Tragödien, das ist bloß Mache.
Jedes Mal, wenn ich etwas trinke, fällt es mir schwer zu schlucken, denn ich trinke meinen Tod, verlängere mein erbärmliches Dasein um ein paar Tage einzig und allein um am Hungertod zu sterben und nicht zu dehydrieren, ein lächerlicher Tod wenn man umgeben von trinkbarem Wasser ist. Nein, so wollte ich nun wirklich nicht abtreten.

Denke pausenlos darüber nach, ein aussergewöhnliches Denkmal zu hinterlassen. Zugegeben, ein Boot mit eingebautem Kino ist schon ein aussergewöhnliches Denkmal, doch ich hab es nicht geschaffen und somit hat es weder Bezug zu mir, noch werden sich die Leute an den jämmerlichen Typern erinnern, der auf diesem Boot seinen letzten Atemzug getätigt hat, geschweige denn ihm hinterhertrauern.

6.6.10 02:35


Tag 37

Meine Motivation sinkt, da ich sie nicht mit Laufen auf Trab halten kann.


Dieser Bastard...

6.6.10 02:34


Tag 36



Die Berieselung hört nicht auf, es wird mir ein Schauspiel nach dem anderen gezeigt; viele dieser Theaterstücke, die mich so langweilen.

Mache mir Sorgen zu verhungern. Nirgendswo ein Licht oder auch nur den Schein eines Umrisses, keine Angel hier, keine Vorräte, kein Netz - nichts.

Plötzlich blitzt es im Kopf und das Bild, welches ich sehe ist so nah bei mir, dass ich mich ducken muss.

 

Fledermäuse benutzen Zeng-Laute um den Ausgang zu finden.


Ich konzentriere mich, schärfe mein Gehör mit eiserner Konzentration und schnarre "Zeng. Zeng."

 Ohne Erfolg.

Ich probiere alle möglichen Laute aus, vom "Zorr" oder dem scharfen "Zisch" über "Zack"- und "Zoink"-Laute bis hin zu weniger Z-lastigen Wörtern, die mir alle keinen Sinn zu machen scheinen. Irgendwann weiß ich nicht mehr, ob ich mich selber höre oder nicht doch ein Echo? Vielleicht nervt mich mein Unterbewusstsein und plappert mir dazwischen oder die Laute und Worte hängen irgendwo da zwischen. Zwischen dem Sprechen und Denken eingefangen, ein paar Mal im Kreis geschleudert, so schnell und leihernd, dass langsam Fetzen abreißen und es sich langsam zergeht, weder gesprochen noch gedacht, oder durch neue inhaltlose Laute überlagert wird; seltsame Nichtwesen ohne Hülle, fast wie Geisterstimmen aus einer Welt von der wir nichts wissen wollen, sagen dir, der Wahnsinn liegt in dem unendlichen Band der Wiederholung. Wie eine Hochzeit im Knabenalter anders ist als deine eigene oder die deiner Kinder wirkt auch der fast nicht greifbare, endlose Schleier sich verändernd, scheinbar anders bemalt, hässlicher, von Mal zu Mal hässlicher, entmachtender.



Stehe auf meinem beschissenen Boot mit diesem langweiligen scheiß Kino und schreie Zeng-Laute. Auch gerne lauter, vielleicht kann mich ja jemand hören. Dann wieder schnalze und Klacke ich, man darf ja keine Frequenz ausschließen, vielleicht gibt es ja spezielle "Botsch-"Fledermäuse, die mit antworten.

27.5.10 12:28


Nacht 34 - 2

Was ich sehe ist fremd, neuartig, aufregend und doch nicht die Art von Unterhaltung, die ich mir erhofft hatte. So eine Art Urlaubsvideo von irgend wem. Aus irgend einem Grund erwarte ich jederzeit, dass etwas schief läuft. Der Gefallen wird mir nicht getan.

Schnell stütze ich mich auf die Reling und rieche am Wasser. Dann probiere ich es und nehme mir eine Handvoll, während ich mich auf die Liegefläche fläze, den Kopf auf das Polster lege und das Wasser in meiner Hand absetze, falls ich es dabei genüsslich schlürfen möchte.

Okay, Unterhaltung an. Der Typ ist, so würde ich sagen, normal groß, normal gebaut, hat einen normalen Haarschnitt und macht zunächst nichts Spannendes. Er ist im Garten und sitzt vor nem Springbrunnen. Kein Ton.

Dann kommt eine Frau, die Kamera geht mit ihr; sie sieht scheiße aus, hat lächerliche Klamotten an und streckt die Zunge beim Reden übertrieben raus. Wer weiß, vielleicht sinds ja Franzosen oder so, Lippen kann ich nicht lesen. So weit ich weiß. naja auf jeden Fall keine französischen Lippen.

Sie geht in die Küche und macht einen Salat. 

Schön anzusehen, wie die Dinge geschnitten werden, hergerichtet, zusammengeschüttet. Ich nehme genüsslich den Schluck aus meiner Hand und säufze übertrieben.  Ihr Gesicht ist nicht im Bild, es wird nur die Zubereitung gezeigt. Moment!

Das muss ein Test sein, scheiße, was hat sie nochmal als erstes getan?

Jawohl, den Käse geschnitten. Gut, gut, dann den Kopfsalat bei, Essig, ein bisschen Wurst

Jetzt muss ich das ganze behalten, bis ich hier weg bin.

Jetzt wieder dieser Typ, will mal sehen wo es hin geht. 

Es geht nur langsam vorrann, doch ich glaube ich kann die Richtung ausmachen. Nichts zu sehen, nach rechts die immer winzigwerdende erleuchtete Stelle, wo ich eingestiegen bin, zu allen anderen Richtungen gar nichts.

Plötzlich springt das Bild um und zwei Männer sind zu sehen. Beide in mittelalterlicher adliger Kleidung. Sie streiten sich, fechten mit dem Degen und zu meiner Überraschung gab es Ton. 

 

"Nimm dies" schrie der eine und stach zu, der rötlichere wich aus, schlug den feindlichen Degen weg, gerade nochmal dem Tod entronnen, beide auf Distanz. den Roten packt die Wut, er schnellt auf den andern zu und macht dem Spuk ein Ende, sieht seine Chance, während den andern ein kurzer Bick nach Rechts abgelenkt hatte, sticht ihm in den Wanzt und lässt den Degen gleich stecken.

Darauf folgt ein endlos langer Monolog über irgend nen Kaiser, in dessen Namen jeder sterben soll, der es wagt das Kaiserreich nicht zu respektieren. Plötzlich fällt der Vorhang.

Oh scheiße - Theater, nichts wie weg hier.

Mein Boot schwimmt in Wasser (hoffe ich) und völlig im Dunkeln. Das Licht der bewegten Bilder stört mich bei meiner Suche nach dem Ende dieser Reise.

Ich halte mir die Hände vor die Augen und öffne sie nach einiger Zeit. - Nichts ausser dem Anfang.

Beschließe mich darauf einzulassen und versuche mich unterhalten zu lassen. Ich nehm noch ne Hand Wasser ins Boot und versuche zu verstehen, was gesagt wird.

                                                                                            

19.4.10 22:33


Nacht 34

Freitag Nacht (gestern, wie ich erfuhr) hat das Lagerfeuer nicht lange gebrannt. Der erste Gesprächspartner spricht nicht viel, er sagte wir sind alle Teil eines Unterhaltungsprogramms für supernatürliche Wesen, deswegen tut er den Tag über nichts um die Wesen zu langweilen um frei zu kommen. Wesentlich bei der Interaktionen mit Schauspielern (er glaubt, ich sei einer) ist es nicht interessiert zu wirken. Er will mich schnellstmöglich los werden, scheint aber ansonsten ein netter Kerl zu sein. Ich fragte ihn nach den Spice Girls. Er behauptete nichts davon zu wissen, schien aber verärgert von der Frage zu sein. Das Lagerfeuer war wirklich sehr interessant. Es schien von beliebiger Struktur zu sein, ganz anders als ich es erwartet hätte. Mal erkannte ich eine Birne, mal einen Affen, doch nicht bloß das war interessant, das Feuer selbst hatte groteske Formen sogar gleichzeitig angenommen, manchmal musste ich den Blick abwenden weil es drohte einzustürzen.

Natürlich schläft er lange, sehr langweilig zu sein ist viel Arbeit.

Ich stehe wie gewohnt um vier auf und wunder mich, warum die Sonne scheint. Die Halle ist aufregend. Vielleicht eine Ruinenstadt, mit Maueransätzen und hier und da mal nem Türloch. Nach über 700 Stunden Tunnel mal was anderes, trotzdem schnell lahm. Ich ging dann zu irgend nem Ende der Halle, weiter als es aussieht, aber wert gelaufen zu werden. Die Halle hat große Lücken in den Wänden, von denen man das Ufer eines Sees erkennen kann, der im Dunklen einer Halle liegt. Weder spannend, noch witzreich oder revolutionär. Der Architekt hat keine Ahnung, wie man Dinge in Szene setzt. Wasser allerdingt lässt mein Herz höher schlagen. Ich beuge mich vor, um mein Spiegelbild zu erkennen, doch es ist zu dunkel, ein schwarzer Schatten sieht mich aus den Tiefen an, plötzlich höre ich ein Geräusch, ein kleines kratzendes Geräusch und das Atmen eines Wesens. Dann plötzlich zuckt es in meinem Kopf. - Monster - Ich erinnere mich an Monster, böse, hässliche Wesen, die einem nur das Blut aussaugen wollen oder Menschengräber sind, die in deinem Brustkorb so lange graben, bis sie keinen Schatz gefunden haben. Ich schaue über mich, sehe Rauch - wahrscheinlich von dem Monster - und höre auf zu atmen.

Scheiße, jetzt bin ich am Arsch, wer weiß was Monster alles ausrichten können, vielleicht erschlägt mich schon der Anblick; ich muss hier weg, wieder ins Lager. Vielleicht kann man ihm mit Feuer beikommen, weg hier, nur langsam. Ganz langsam. Scheiße, hab mich nicht einmal gewaschen. Werd ich das auf später verschieben müssen. Meine Hände sind noch ganz nass, das Trocknende feucht wird auf einmal eisig, was, wenn das Monster der Hüter des Wassers ist, er wird wütend, wenn er das Heiligtum von meinen Händen tropfen hört. Ich lege die Hände an die Brust, hoffe, dass es nicht zu spät ist, jetzt wird auch mein Brustkorb eisig, es bilden sich kleine Eiskristalle, die bis in meine Haut reinragen und verbinden meine Hände mit meinem Wanst, bis ich angekommen bin lasse ich sie dort, leg mich in mein Lager, Herz rast, ich horche.

Immer das Atmen im Kopf, das ich hörte, weiß nicht, ob es in meinem Kopf ist ober direkt hinter mir. 

Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis der Fremde aufwacht.

Schließlich kommt er und will mir was zeigen.

Hoffentlich ist es ein Ausgang.... nein wahrscheinlich ist es irgend eine große Figur aus seinem eigenen Mist, die er für die Supernatürlichen gebaut hat.

"Was willst du mir zeigen?" 

Er antwortet nicht, zeigt nur mit ner kurzen Geste nach vorne. Am Ende der Halle angekommen erwartet mich ein kleines Boot in Form einer zu 90° aufgeklappten Muschel. Es ist ein Polster auf der Sitzfläche, doch keinerlei Antrieb zu erkennen.

"Hier hast du ein wenig Unterhaltung. Setz dich rein." sagt er und hält das Boot fest, während ich hineinsteige.

"So, wo ist die Unterhaltung?" frage ich, nichts Gutes ahnend.

"Es fängt automatisch an. Viel Vergnügen" er stößt das Boot mit dem Fuß von sich, sehr ruppig die Erschütterung und ich pralle mir fast den Schädel an der Reling. Ich komme mir naiv vor. Dieser Penner, wie kann er es wagen, den einzigen menschlichen Kontakt weit und breit mit offenen Armen wegzuschieben? Hat er denn vielleicht schon den Verstand verloren? Oder er gehört zu dem Spiel, zu dem ich verdammt bin. Vielleicht ist es ein Scherz, vielleicht zum Geburtstag, vielleicht haben alle meine Freunde mir n krassen Trip schenken wollen, doch irgendwann bin ich auf den Kopf gefallen und hab mein Gedächnis verloren. Oder selbst das gehört zu deren Spiel.

Vielleicht ist es aber auch ein spiel von viel höherer Seite, vielleicht..... plötzlich blitzt es und die obere Hälfte der Muschel zeigt ein sich bewegendes Bild.

 

23.2.10 15:44


Die Andacht

Begleitlied für den Text

http://www.youtube.com/watch?v=8zuuwG7NuPk

 

 

Es ist Donnerstag der 17. Februar, und die Vögel haben aufgehört zu singen.

 

Für ihn jedenfalls, für mich singen sie Trauerlieder, die wie das letzte Nachglimmen die Herzen jener erreicht, für die sie mehr war als eine Frau. Mehr als eine Schwester, eine Mutter, eine Freundin, eine Großmutter. Wie die übrigbleibende Spannung der Luft, wenn der große und gute König diese Welt verlässt. Sein großes Sein verhallt noch im Raum, während sich Sorge um die Zukunft breit macht. Wird es je so sein wie es jetzt ist? Das wird es nicht. Und das spürt selbst der Hund ihrer Enkelin, der betroffen zu Boden schaut.

Das kalte Februarlicht scheint wie im Juni auf die schneebedeckte Kirche, ohne die klirrende Eiseskälte ein bisschen erträglicher zu machen oder den großen Eiszapfen Angst machen zu können, die dem Schnee der Kirche einen Ausweg bieten; wegzufließen vom gläsernen Dach der Kapelle, den Weg der Sonne freizugeben um selbst nicht bloß die fröstelnde Decke zu sein, nicht loslassen zu wollen, sondern am Rand des Geschehens die glücklichen Tränen spiegeln, die dich hier heimlich von hinten anschauen.

 

"Meinst du Sebastian wird kommen?" fragt er mich.

"Woher kennst du ihn?" frage ich den alten Mann, der sein Lächeln schon vor Langem verloren hat, es für mich aber immer wieder rauskramt. Kaum zu glauben, dass fast 70 Jahre vergangen sind, ohne dass er für mich an Charme verloren hat.

"Von ihrer Beerdigung." sagt er, er meint ihre Schwester, vor Urzeiten ausgewandert und schon mit 67 gestorben.

"Du warst doch gar nicht da. - oder?"

"Doch." sagt er, das Gesicht nach rechts gewandt und Tränen unterdrückend. "Ich konnte euch doch nicht allein lassen."

Ich bin gerührt von seiner Art, doch ich frag mich, ob ich da überhaupt eine Rolle gespielt habe. Ich wünschte ich wäre ihm nur halb so wichtig gewesen, wie sie es für ihn war.  Manchmal habe ich Zweifel. Doch dann legt er mir seinen alten Arm um die Schulter und sucht halt bei mir.

 Ich nehme mit meinem Freund in der ersten Reihe Platz, auf der linken Seite, zu meiner Rechten, direkt nach dem Gang ihr Mann mit Schwester, ich sehe nur kurz rüber und beneide ihn fast um seinen Schmerz, da fällt die Sonne durch das große runde Fenster hinter uns, erhellt den Boden auf den wir alle stieren, will die Tränen funkeln sehen, doch es sind keine da, ihr Mann wahrt "Fassung", mein Freund vergab seine bereits, ich finde, sie hätte es nicht gewollt und der Rest wartet entweder auf die Ansprache des Priesters oder hat sie nicht wirklich gekannt.

Es liegen ein halbes Dutzend Kränze um den Sarg, einer von uns, ein adrettes Gesteck von ihrem Mann, ein gelb leuchtender von ihrer Tochter mit Kindern, einer von  ihrem ältesten Sohn mit Frau, einer von Barbara, der liebenswerten Nachbarin und ein besonders liebevoller von ihrem Bruder.

Auf unserem steht "In stummer Bewunderung", ein paar Blüten ragen über das letzte Wort, doch wir beide wissen, dass auch Wunder nicht unsterblich sind.

Das Pult des Pfarrers steht auf der rechten Seite, bloß einen Schritt zur Wand von dort ; plötzlich ertönt Orgelmusik, die mir ins Mark geht. Währenddessen geht der Priester langsam an seinen Platz.

"Wir sind heute hier zusammen gekommen um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Wir wollen ihr gedenken als dem fröhlichen Mensch, der sie war, als dem humorvollen Mensch, der unser Münder zum Lächeln brachte, denn es war nicht zuletzt ihr Humor, der ihr bis ins hohe Alter Kraft gegeben hat all die schlechten Dinge im Leben ein bisschen leichter zu nehmen.

Sie war liebende Mutter sowie liebende Großmutter zweier großartiger Enkelkinder, deren Volljährigkeit sie noch erleben durfte.

Danken wir dem Herrn, dass wir eine Frau mit ihrem Herzen kennen durften....."

Irgendwann schweifen meine Gedanken ab in weite Ferne, so weit, dass sie irgendwann wieder am Anfang angekommen sind und in meinen Kopf weinend in ihren Armen liege, sie die Fragen frage, die  scheinbar ohne Wert in meinem Kopf rumlagen, egoistischer Natur sind; und doch ausgesprochen werden müssen.

"Wieso warst du all die Jahre so zu mir? Was war da? Wieso hast du dich niemandem anvertraut? Wieso ließest du mich nicht helfen? Wieso lässt du mich jetzt allein?" weinen meine Gedanken, während Pastor Knipp Jesus dafür dankt, dass er während ihres Lebens auf sie Acht gegeben hat.

Jetzt weint ihre Tochter, die die ganze Zeit schon die Taschentücher griffbereit in beiden Manteltaschen stecken hat, sehr bitterlich.

Wie konnte ihre Mutter sterben? Die Frau, die ausser sich selbst und ab und zu ein paar Kekse nicht viel zum leben brauchte und diese Souveränität auch ihren Kinder weitergab, die nach den ersten fünf Minuten auf dieser Welt diese verstand und einfach das beste draus machte?

Meine älteste Freundin ist tot.

 

66 Jahre kannte ich dich.

 

Was ist aus diesen Jahren geworden? Es fühlt sich an als hättest du bloß einen Tag davon verschwendet mich dein Leben kennen lernen zu lassen.

 

Wer bist du?

Ich habe Angst dich zu vergessen - noch bevor die Bestattung vorrüber ist.

 

Ich frage mich kurz, ob dich überhaupt einer kannte; doch dann erblicke ich ein Funkeln in den Augen deiner Tochter, ein Funkeln, welches ich bloß einmal zuvor gesehen hab, selbst durch die Tränen sichtbar strahlt es mit ungebrochenem Glanz.

Mein Gefährte hat mitlerweile meine Hand in Besitz genommen.

Er zittert.

Nun ist der Pastor fertig. Mein Freund redete vorher mit zwei von den  Männern, die den Sarg tragen und sie überließen uns ihre Plätze.

Jeder Schritt näher auf sie zu war ein seltsamer Schritt, kann ich dich halten? Wir sind beide 84, er rüstig, ich stabil, doch reicht das?

Tragen wir mit dir auch deine Sünden? Oder deine Wunder?

Der Griff fühlt sich warm an. Fast wie eine Hand, die Mut zuspricht, ich denke ich schaffe das. Ich muss. Ich werde. Mit deiner Hilfe.

Jetzt wird der Sarg angehoben, er ist schwer. Unendlich schwer. Das kann ich nicht, hilf mir. Oh Gott hilf mir, ich drehe mich zu meinem Freund um.

"Sie ist nicht mehr da" steht in seinen glasigen Augen.

Mein Herz rast, ich schwitze plötzlich, da geht es los. Für mich unendlich langsam, es scheint ewig zu dauern, bis wir an der ersten Stufe von dreien angelangt sind, die von der Altarregion herab führen. Ich kann nicht mehr lange, die Zeit verschwimmt; wann hab ich das letzte Mal ne Stunde lang 100 Kilo geschleppt? Muss 30 Jahre her sein - wenn nicht länger.

Ich halte dich, plötzlich wird es heißer, was ist das? Ich sehe in die Sonne und auf einmal wird der Sarg ganz leicht. Fast zu leicht, vielleicht stehe ich kurz vor dem Zusammenbruch, lasse mich gleich mit eingraben.

"Es wird alles gut..." flüstert es plötzlich.

 

Bist du es?

 

Ich sehe mich um und erblicke deine Enkelin. Sie sagte es zu deiner Tochter, die angefangen hatte zu weinen, als der Priester deinen Tod ansprach.

Ich habe keinen Sohn. Keine Enkel. Keine Tochter, Keinen Urenkel.

Doch wollte ich auch nicht so viel Leid hinterlassen.

Wir schreiten jetzt durch die Tür, ich bade im Licht, tanke Kraft, tanke dich.

Sofort suche ich die weißen Bäume nach Vögeln ab, die mir Kraft zusingen, da entdecke ich zwei, die verstummen, während sie mich anzusehen scheinen. Dann fliegen sie weg und lassen uns allein, da wird mir bewusst, wohin der Marsch eigentlich geht.

Das Ende. Die letzte Station.

Die Nachbarin ist fein angezogen. Sie vermag es ihre todschicken Hüllen so dezent zu präsentieren wie kaum eine zweite.
Obwohl sie hinter mir geht vernehme ich ihren Geruch.
Der Duft zeitloser Grazie, ein Hauch von silberner Haut, die durch ein standhaftes Leben in marmorgleicher Mine poliert wurde.
Sie war sich ihrer Tage stets bewusst, wusste, wann sie glänzen musste und wann funkeln.
Elegant ging sie durch Tage, die jeden anderen verwüstet hätten.

Wie warst du dir deiner Tage bewusst. Rückblickend, nicht erinnernd. Ich wünschte, ich könnte dich fragen. War es nicht trotz der Rückschläge und Niederlagen ein Leben, welches dir gerecht wurde? Bist du mir reinem Gewissen hindurch gegangen? Ich wünschte, du könntest mir noch einmal die Bestätigung geben, dass dein strahlendes Leben gerecht war - vor dir.

Der Wind frischt auf und weht mir einen Schleier kleiner Schneekristalle um die Beine, die mich nach vorne zerren. Ich trotte müde hinterher.
Jetzt ist es bloß ein paar Meter, dann heißt es bon voyage.

Die aufgebrochene Erde ist hübsch dekoriert. Mit Kunstrasen überdeckt und mit stählernen Stegen, damit wir alten es nicht so schwer haben beim Herablassen.
Ich sehe zu meinem Freund, auch für ihn war der Marsch nicht leicht. So nah wie in diesen Augenblicken ist er ihr seit Jahren nicht gewesen.
Ich sehe auf seine Hände, die wie meine das Seil umklammern.

Lass los alter Mann.

Urplötzlich donnert es und die trauernden Familienangehörigen verstummen für einen Moment.
Als sie fast den Boden erreicht hat, geht uns starker Wind durch die Leiber. Der Himmel zieht sich zu und kündigt einen Sturm an.
Hier und da fällt Schnee von den Bäumen und der Sarg geht zu Boden.

Der Priester versucht sich zu sammeln; er kannte sie gut und ringt mit seiner Beherrschung. Nach einem kurzen Wort überlässt er das letzte Wort den Trauernden. Ihr Mann geht als erstes nach vorn, mit eiserner Mine blickt er den Sarg an, bewahrt Fassung, wirft mit einer kurzen Bewegung Erde in das Loch und bekreuzigt sich.
Wir stellen uns ganz hinten an, gleich nach der Nachbarin mit ihrem Mann.
Es dauert eine Weile bis wir dran sind. Wir schweigen beide, während der Sturm sich breit macht und uns Schneeregen durch die Haare reißt.
Als wir dran sind sind die meisten schon auf dem Weg ins Trockene, das Grab sieht nun ganz anders aus. Verlassen und isoliert von den dröhnenden Massen, die uns um die Ohren sausen trauern wir und sprechen unsere letzten Worte.
Mein Gefährte hat vor Jahren bereits eine Rede geschrieben und kein Schneesturm der Welt würde ihn um die Ehre bringen können sie auf ihrer Beerdigung zu halten.
Ich rücke nah an ihn heran um ihn überhaupt hören zu können, es war eine der schönsten Reden, die ich je gehört habe.
Mein Freund fängt an bitterlich zu weinen. Ich stütze ihn und helfe.
Dann fange auch ich an zu weinen.

'Um dir Lebwohl zu sagen braucht man mehr als nur ein Herz' hat er gesagt.

Wir umarmen uns zu weinen das, was unsere Herzen hergeben.
Nach einer Weile stoppt der Sturm und die Sonne lugt hervor, trocknet unsere Tränen und gibt Licht.


"Ich hab einen Brief bei ihr in der Wohnung gefunden. Sie muss ihn wohl schon vor Jahren geschrieben haben." sage ich mit salzigen Wangen, während ich in meinem Mantel krame.
"Er ist für dich."
Während ich ihm den Brief gebe höre ich, wie zwei Vögel hinter mir landen und anfangen zu singen.
Tränen rennen ihm aus den Augen als er den Brief liest.
Es stand bloß da:

"Ich hab dich sehr lieb gehabt"

 

29.1.10 14:05


Schließung

Dieser Blog wird vorerst nicht mehr erneuert.

Mir geht es zu scheiße, dieses eine Problem mit diesem Mädchen lässt mich nicht los und entzieht mir alle Kraft.

Ich kann einfach nicht mehr.

Es tut mir leid und weh aufgeben zu müssen.

Ich hab versagt

 

- andacht

26.1.10 13:58


Nacht 33

Mein Herz raste, als sie mit mir sprach. Aber noch mehr, als sie kurz geht um uns was zu Trinken zu machen. Sie ist 26, aber erwachsene 26, die Sorte Frau, die schon mit fünfzehn mehr über das Leben als Mann weiß, als ein 20-jähriger Mann.
Irgendwie kommt mir das Szenario bekannt vor, auch wenn es so seltsam ist, dass man schwer glauben kann es ein zweites Mal zu erleben; irgendwie kann ich mich, wenn ich es dann kenne, nicht an den Ausgang erinnern. Oder... den Verlauf.
Sie hat wenig an, ich kann von hieraus den meisten Teil ihres Hinterns sehen; sie rührt betont langsam die Drinks zusammen, bewegt sich langsam ohne den Anschein von Trägheit zu erwecken.
Seit zweieinhalb Jahren ist sie jetzt mit meinem Vater zusammen, lange genug, um ihre grenzenlose Freigiebigkeit kennen zu lernen, aber auch ihren Stil zu studieren. Egal wie elendig sie vollgedröhnt und verkommen auf der dreckigen Couch aussehen mag, wenn sie will kann sie einfach aufstehen und die Frau des Bürgermeisters auf einem Empfang spielen. Stilvoll und elegant. Wahrscheinlich würd sie selbst den Bürgermeister spielen können.
Ekelhaft, dieses dekadente Getue, dieser feige Schlag ins Gesicht all jener, die der Droge Nest nicht flügge werden können, einschließlich meines Vaters. Dann dieser Körper, eine Frechheit, ein wunderschönes, flitchenhaftes Wunder, dann auch noch mit so einem wie ihm zusammen, lächerlich wie das Leben manchmal spielt.
Jedenfalls ist es mein Grund zu glauben, sie hätte noch einen richtigen, einen reinen Kern, den der schwarze Saft nicht verunreinigen kann, der hier Tag für Tag von der Decke tropft.
"Ist Samuel nicht gut bekommen letztens, m?" sagt sie, während sie, den Rauch inhalierend, an ihrem Getränk nippt und mir den Rauch samt Parfüm und dem Geruch unverdauter Männerherzen sanft um mein Hemd bläst, das sich ihm entzieht, sich um meine Brust schlingt und das klopfende Herz freigibt, auf das sie gierig stiert. Vielleicht will sie mich fressen. Vielleicht vernaschen, doch der Anblick des schlagenden Herzens bewirkt irgendwas in ihr.
"Der sollte besser bei den Sachen bleiben, die ihm liegen." sage ich bemüht erwachsen zu wirken.
"Wem liegen Drogen schon." sagt sie etwas leiser.
"Naja," sag ich, "was ist mit Vater?"
"Sie liegen ihm nicht, er ERliegt ihnen. Aber reden wir doch über dich." sagt sie verführerisch und legt mir die Hand auf mein Knie.
Ich nehme eine Zigarette in die Hand und beuge mich vor. Zu ihr, sodass sich unsere Lippen beinahe berühren. Im letzten Moment greife ich mir das Feuerzeug, nach dem ich mich gestreckt habe und lehne mich zurück.
28.12.09 16:36


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