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Tag 33

Ein ganzheitlicher Ruck manifestiert sich, vom Magen ausgehend, vor meiner Kehle und würgt ein Stück Nahrung hervor, welches sich, halb, das heißt fast ganz aufgelöst, an meine Backe klebt und runterklatscht, sodass nicht nur ein monströser Geruch von Scheiße meine Nase foltert, sondern auch meine eigene teuer erworbene Nahrung zu einer Beleidigung für jedes Organ macht.

Der ätzend stechende Geruch in meiner Nase lässt weitere Nahrungspartikel nachrücken und ein Ruck nach dem anderen geht durch meinen ausgezehrten Körper, sucht halt an den Wänden, doch vergebens, die Wände sind glatt und meine Hände voll Scheiße.

Ich weine wahnsinnige Verzweiflungstränen noch bevor mir überhaupt bewusst wird, dass der Haufen nicht mehr da ist, der Geruch jedoch sehr wohl.

Schreien möchte ich. Schreien aus voller Kehle, doch diese ist mir wie zugeschnürt, zudem sind meine Stimmbänder nicht trainiert, sodass ich mich auf ein Würgen und Glucksen beschränken muss.

Plötzlich höre ich Schritte, die die qualvollen Gedanken langsam bei Seite schieben und den Vorhang der Hoffnungslosigkeit durchsichtig werden lassen, ohne ihn abzuhängen.

Total peinlich auf dem Boden liegend, kotzend und heulend gesehen zu werden. Dann auch noch zum ersten Mal in seinem Leben, was ist das denn für ein erster Eindruck?

Ich stehe also auf und sammle Spucke im Mund, um das Erbrochene von meinem Körper zu wischen.

Ich bemühe mich so groß wie möglich zu wirken, so viel Schneid wie im Traum besitze ich dann doch nicht.

Anders als im Traum stolziert ein nackter Gentleman zu mir hinüber, dem man - im Gegensatz zu allen anderen Anzugträgern, auch nackt abkauft, einen Anzug anzuhaben. In diesem Fall ist er nackt und ich frage mich ständig (neben meiner Sorge, er sei feindselig), wo sein Anzug sei.

 

"Ich hab heut schon fünf mal Tee aufgesetzt, aber nagut. Hallo." sagt der Nackte.

Da ich weder den Mut noch ein Anliegen hab, folge ich dem Nackten einfach, ungefähr fünf oder auch zehn minuten Weg, in dem die Helligkeit immer weiter zunimmt, selbst dann, wenn sie das Maximum des von den Augen fassbare schon überschritten hat und an der Grenze des logisch möglichen steht, nimmt sie zu, fasst mir ihrer hellen, leichten Hand zärtlich die schmerzenden Lider an, reibt ihnen Lichtsplitter ins Fleisch und ist doch so sanft dabei, will nichts Böses, will bloß streicheln, doch ihre Haut brennt, sie ist des Teufels Komplize, der das Nackte, das, was genau so von Gott geschaffen ist sich selbst ausliefert, so wie der Peiniger sich nicht an der Nacktheit des Opfers ergötzt, sondern an der dadurch empfundenen Pein, so ist auch der Teufel nur der Perverse im Hintergrund, der den Leuten Angst macht, nur.... weil er einen Mantel trägt.

 

Hoffentlich geht's jetzt raus. Irgend n Wilder, er in ne Höhle scheißt oder so, jetzt bin ich frei, weiß nicht wer ich bin und werde wahrscheinlich erstmal Rache üben an dem, der mich hier reinsteckte. Unsinnige Tätigkeit, aber das erste was mir einfällt und auch das Beste, dann hab ich ein Ziel, kann nebenbei erfahren, wer ich bin und zu meiner Familie zurück. Ein hartes Stück arbeit erstmal an Geld zu kommen, es sei denn ich bring direkt jemanden um. Vielleicht fang ich mit dem Typen hier an, sehr kräftig scheint er mir nicht zu sein, doch wenn er mich nicht umbringt schulde ich ihm was. Da kann ich ihn nicht umbringen.

 

 Am Ende des Tunnels geht der Raum auf, wahrscheinlich tausende Quadratmeter, eine riesige Halle, in deren Decke ein großes Loch klafft, welches Sicht auf Wolken gibt, der Himmel ist da, ich kann ihn sehen.

Wir gehen zu einer Feuerstelle mitsamt brutzelndem Fleisch und Stühlen. Ich sehe auch ein notdürftiges Bett und Wasser in einer Schüssel. 

"Bin ich jetzt frei?" frage ich gespannt.

Er sieht mich bloß seltsam an. "Siehst du irgendwelche Ketten?"

"Nein. Aber auch keine Bäume oder Flüsse. Ich will nach DRAUSSEN. Verstehst du? Wo keine Wände sind, da wo alle anderen sind." Er sieht mich nicht an,

"Tja Junge tut mir leid, aber hier geht's nicht raus."

 

28.12.09 16:35


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Tag 32 - 2. Teil

Das war es also, was meinem bisherigen 32 Tage dauernden Leben einen unappetitlichen Schleier Düsternis übergestreift hat.

Ein riesiger Haufen Kacke.

Sauber und funkelnigelnagelneu (es klebt immernoch Scheiße an mir, jedoch kann ich den Großteil abbröckeln, da mir meine eigene, getrocknete Kacke noch anhaftet, die abfällt sobald man drankommt)

stehe ich hinter dem riesen Haufen und kneife ein bisschen die Augen zu, da dort vorne eine weniger dunkle Dunkelheit mein Auge beschiesst.

 Wieso sind die Vögel hier nicht, obwohl doch die Helligkeit präsent zu sein scheint? Plötzlich vernehme ich ein Geräusch, was mich an viele tausend Dinge erinnert, die meinem Bewusstsein zur Zeit verschlossen sind. Ein Geräusch, dass sich so an hört, als sei es von einem Menschen verursacht worden.

Hoffentlich ist es ein guter Mensch. Wenn nicht, habe ich wohl schlechte Karten, ein Fünfzehnjähriger allein mit Kot bewaffnet kann nicht allzu viel ausrichten. Selbst wenn er wollte.

Ich will "Hallo?" schreien, doch bekomme "hhhahh" aus meiner Kehle gequetscht, habe wohl lange nicht mehr gesprochen. Vielleicht - noch nie.

Was einen Wal kitzelt, kann einen Wolf töten.

Weiß in letzter Zeit gar nicht mehr, was so los ist.

Was ich hier mache oder soll.

Wer ich bin. Oder sein soll.

Ob das Sein einen Sinn hat. Oder überhaupt soll.

Was ist da in meinem Kopf, wieso kann ich sprechen, wenn ich in meinem bisherigen Leben keinen anständigen Gesprächspartner hatte? Ob die Spice Girls mich wohl besuchen kommen?

Denke über das Zeitgeschehen nach.

Die Spice Girls werden wohl in irgend einer Zeit gelebt haben. Vielleicht lebte ich zur selben Zeit.

Zeitgeschehen, was ist das? Ist es das, was zu einer bestimmten Zeit geschieht? Oder ist es nicht viel mehr andersrum?

Ist es nicht die Zeit, die vergeht, während etwas geschieht?

Stehen wir nun unter Zeitdruck oder unter Handlungsdruck?

Nehmen wir die Zeit als ultimative Grenze oder die Aktion?

Habe auch nie verstanden, warum man Handlungen nur in eine Richtungen ausführen kann aber Zeit umkehrbar sein sollte.

Wenn...

auf einmal sehe ich eine unheimliche Silhouette im hellen Licht der nichtvorhandenen Dunkelheit entlangstreifen.

Ich erstarre sofort, als ich der dünnen Gestalt gewaht werde und verharre regungslos zwischen dem guten Gefühl des Abschließens mit einem Kapitel und der Angst vorwärts zu treten.

Dann, ganz ohne Vorwarnung dreht die Gestalt ihren Kopf zu mir und ich kann, obgleich sie gut zweidutzend Meter von mir wegsteht, ihre Augen erkennen, die mich frösteln lassen, sich in meinem Kopf breitmachen und jeden Gedanken der nicht auf sie fixiert ist erstummen lassen; ich vergesse was ich tue und bewege mich wie in Trance langsam auf die Person zu.

Es ist ein schmächtiger Mann mit Vollbart und langen Haaren, die sein Gesicht verstecken. Er muss Ende dreißig sein, viel ist er wohl nicht herumgekommen in den letzten Monaten, schneeweiß ist er, die mit Scheiße umrandeten Lippen und Augen - recht schön angesichts der Umstände - erwecken den Eindruck eines entschlossenen Mannes, doch der Wahnsinn blickt aus seinen Augen.

Beim Näherkommen wird der Kotgeruch penetranter, doch auch er muss den fremden Kot riechen.

Beschnuppern heißt es.

Was will er?

"Hallo." sage ich und gehe aufs Ganze. Was soll schon passieren.

"Weißt du, wo wir hier sind?" krächze ich mühselig hervor.

"Wir?" fragt er verdutzt und sieht mich an wie jemanden aus einer anderen Zeit, vielleicht wie jemanden aus seiner Zeit, einer alten Zeit, in der alles besser war und er nun allein da steht in dieser Zeit, während ihn das Wort "wir" an seine alte Heimat erinnert, etwas Vertrautes, etwas heimatliches, was sich den fremdartigen Umständen zum Trotz hier breit macht, ein flackerndes Kerzlein Behaglichkeit entzündet und ihm sagt: du bist nicht allein, die alte Heimat lebt.

- Vielleicht hab ich auch nur undeutlich gekrächzt und es hat sich so wie "quir" angehört.

"Es gibt kein Wir" sagt er bestimmt. "Du bist allein, ganz allein. Wach auf Kerl, wach endlich auf!"

 

13.11.09 17:41


Tag 32

Seit vorgestern stinkt es.
Habe Angst der Ring würde sich schließen und jeden Meter erwarte ich den alten Mann wieder.Noch älter.
Nachdem ich den ersten Monat die Gedanken darüber, den lächerlichsten Ausweg zu nehmen verdrängen konnte, wollte ich mich nun eingehend mit der Frage beschäftigen. Obwohl ich in meinem Gefängnis mehrere Marathons laufen kann ohne zwei mal die selbe Stelle zu sehen, sind die Möglichkeiten eines Selbstmordes doch recht spärlich. Am 20. Tag ging es mir ob meines Optimismusses nicht so gut. Ich saß Stundenlang auf dem gleichen Fleck neben meinem Urin und erzählte meinem Gegenüber Witze - auch wenn ich keinen kannte und schrie ihn dann an, weil er nicht lachte. Ich schwor ihm ewige Feindschaft und gab ihm Tunnelverbot. Um zu untermalen dass ich das ernst meinte schiss ich mir in die Hand und sah ihn durchdringend an, als ich meine Kriegsbemalung aufsetzte. Ich fand Gefallen daran und vergas ihn völlig, während der nächsten drei Stunden. Das Muster auf meinem Bauch trage ich heute noch. Der Belag muss laufend erneuert werden, was ich (lustigerweise) manchmal im Laufen mache. Nach dem vierten Tag den ich kotbeschmiert verbrachte, roch ich den Kot nicht mehr und vertreibe mir zuweilen die Zeit damit im Gehen Kotbälle auf meine Feinde zu werfen. Gestern traf ich wieder auf die Vögel. Wollte sie spaßeshalber abwerfen. Unglücklicherweise traf ich einen. Heute bin ich um vier Uhr morgens aufgestanden, ist ja scheißegal, wann ich ins Bett gehe und wahrscheinlich ist die Uhr sowieso nicht richtig gestellt, aber wenn ich hier doch raus käme, könnte ich den Leuten erzählen ich hätte eisernen Willen bewiesen. Ich versuche mich künstlerisch zu betätigen und unterbreche meine Kotspielereien und versuche einen Affen zu modellieren. Das klappt nicht, also wird’s ne Kuh. Die sah auch scheiße aus also wurde es ne Schildkröte. Hinterher wurd’s ein Stein.
Naja, auch was Wert. Nicht mal die gibt’s hier. Man würd ich mich über nen Stein freuen. So nen richtig geilen Stein. Mit Ecken und Nippeln und ganz viel Schroffheit. Ich würde ihn Lucy nennen. Ihr aber nichts zu essen geben. Steine essen nicht. Wenn ich wollte, könnte ich Lucy je nach Größe in ein paar Monaten aufgegessen haben. Dann hätt ich wenigstens was von ihr. Was will man schon mit nem Stein? Plötzlich seh ich eine Fliege. Ich nenne mich seit gestern selbst "Detektive" und stelle mir Fragen, so wie ein Detektive eben. Doch ich glaube, der Detektive ist schnell weggerannt, weil er ein Mord gerochen hat. Ich gehe ungefähr 15 Meter weiter und bin ganz erleichtert darüber, dass ich jetzt endlich weiß was läuft und sorgenfrei gehen kann, da fällt mir auf, dass das nicht stimmt.
Dann aber jedoch ganz ohne Vorwarnung,  springt mir ein grotesker Augenblick, wie ein Frettchen in die Augen und krallt sich an meinem Gehirn fest. Der Gestank der mir seit zwei Tagen die Kotze hoch kommen lässt, stammt von einem monströsen Haufen Kacke. Er geht von einer Tunnelseite zur andern. Ich muss also durch steigen um zur andern Seite zu gelangen, was mir recht unangenehm ist. Im drübersteigen lasse ich einen eigenen Haufen fallen. Trotz der Umstände freue ich mich über den Haufen, jedenfalls mehr als über nen Stein. Ja selbst zwei Steine könnten mir nicht das Glück bescheren, dass dieser Haufen Kacke mir beschert. Den Hügel überstiegen mache ich mich auf die Suche nach der Putzfrau, die mir den letzten Monat über die Scheiße hinterher getragen hat und hier aufgebart hat, nur um mich zu ärgern. Nachdem ich die Kacke abgestriffen habe, muss ich vor Freude kotzen, als ich das Ende des Tunnels sehe.
13.11.09 21:14


Tag 7

Seit Tagen durchmischte Gefühle.

Einerseits Hass mit den Gittern, nicht bloß das erste, oh nein...

Alle paar Kilometer kommen diese Gitter und ich renne und renne durch die Gänge, wie eine Schnecke durch diesen blanken Beton, das einzige was mir in den Tagen Kraft gegeben hat war, dass ich keinen toten alten Mann gesehen hab, ich also nicht im Kreis laufe.

Vielleicht ein sehr großer Kreis. Immens groß.

Keines der räudigen Rostklumpen rührt sich. Aber eigentlich hasse ich das erste Gitter am meisten. Ich hasse es wie ein klebriges Zwanzigerpack Bienen, die irgendwo zwischen Schritt und Schenkel rumstrauchen und dich dafür hassen, dass deine Beine an ihnen kleben, obwohl doch sie kleben. Getrennt wird sich in beidseitigem Hass mit wüsten Beschimpfungen und ohrenbetäubendem Gebrüll, von dem jeder noch weiter gereizt wird. Ätzend.

Als wäre das Loch nur sieben Minuten vorher geöffnet gewesen und diese abscheuliche Gittergestalt hätte sich bloß aus Trotz und aus Boshaftigkeit davor gestellt.

Die Peinlichkeit doch durch das Gitter greifen zu müssen um die Früchte zu essen und das moosige Wasser zu schlürfen überwund ich nach dem 2. und 3. Gitter. Nun überwiegt der Hass und das Wissen, dass jedes einzelne von diesen verlausten moosüberzogenen halb im Stein geborenen Gittern nicht das geringste dagegen tun konnte, mich essen zu lassen.

Jetzt sehe ich sie verächtlich dabei an, gestern hab ich sogar alles Moos von dem Ding gerissen, es auf den Boden geschmissen und absichtlich daneben geschlafen.

Heute um halb drei gingen mir die Namen der Spicegirls im Kopf rum.

Eine von ihnen hieß sicherlich Lotte. Ich erinnere mich nicht an die Namen, bloß an den Bandnamen. Nach vielen Stunden Grübelei entschloss ich mich dafür, dass sie Lotte, Lessy und Charles hießen.

Mein Gegrübel wurde zeitweise von Charles Darwin abgelenkt, dem Erfinder von... Ich weiß es nicht, vielleicht war er ja mal bei den Spice Girls. Oder war deren Produzent. Hat die Spice Girls erfunden oder was.

Beim nächsten Loch schnapp ich mir so ein Vogel, mit dem kann ich reden. Werde ihn fragen, was so läuft.

Denke auch darüber nach, wie es wäre, wenn es nur diesen Tunnel gibt. Eingesperrt oder einziger Überlebene einer Epedemie - auch gefangen natürlich.

Ich würde zurück laufen zum zweiten Gitter und meine Fekalien auf das Gitter streichen und den Strauch damit düngen.

Der tote Mann muss selbstverständlich weit weg geschafft werden, wenn ich am ersten Gitter verweilen will.

Dann würde ich in jahrelanger Arbeit meine unbegrenzt nachwachsenen Fingernägel an diesem in die Jahre kommenden Mistding  wetzen, eine Stange nach der anderen wird meinen Pranken zum Opfer fallen, sodass ich irgendwann frei bin. Meine Gedanken versinken in den unzähligen Möglichkeiten der Stellungen, in denen ich sein werde um meine Fußnägel dem Gittersack in den Wanzt zu schlagen. 

Ich werde sicher anfangs sehr erfinderisch sein. Wahrscheinlich sorge ich irgendwann vor und hebe mir besonders entwürdigende Stellungen für das Gitter für das Einjahresjubiläum seiner Erniedrigung auf. 

Wahrscheinlich wird es eine Art Ritual. Vielleicht gerate ich in den Wahnsinn das Gitter jede fünf Minuten mit ein bisschen Urin zu benetzen, um die Säure ihre Arbeit machen zu lassen. Da ist Selbstbeherrschung gefragt, den kostbar ätzenden Saft ihm nicht in einem Schwall ins Gittergesicht zu jagen. Irgendwann werde ich dann versuchen eine Pflanze von vorne  ins zweite Loch zu buxieren um genug Essen zu haben, meine Magensäure zusätzlich über das Gitter zu gießen. Darf nur einmal jede Woche geschehen, sonst drohen Schäden.

Vielleicht werde ich mir aber auch den einzigen Luxus gönnen, den ich hier kriege: In einem durch zu strullern, egal wie viel Monate ich dadurch später hier rauskäme.

Ich gehe sparsam mit meinen Gedanken um, immer ein Wort jede zehn Sekunden. Wenn meine Gedanken für die Zukunft so schnell verschlissen werden, wird mir langweilig.

Nach spätestens zwei Stunden laufen halte ich es nicht mehr aus und denke was das Zeug hält.

Will irgendwann Schach spielen, kann mich auch an die Regeln erinnern, bloß nicht an das Feld oder die Figuren. 

Bauern schlagen diagonal. Na klasse. Von wo?

Wer ist der Bauer? Wo steht der? Alles scheiße.

Ist sowieso egal, einen Würfel hab ich nicht und mir Zahlen von nem Würfel auszudenken ist mir nun wirklich zu armselig. Mit sich selber Schach spielen ist schon doof genug.

 

22.8.09 20:51


Wie wäre es mit einem Leben

Das erste, an das ich mich erinnern kann ist ein alter Mann.

Seine Kleidung ist durchnässt und es hat den Anschein, als käme sein Tod vollkommen unvorbereitet, plötzlich fasst er sich an die Kehle, kotzt seine letzten Worte hervor und verreckt vor meinen Augen, eine Armbanduhr in der Hand.

 Eine erbärmliche erste Erinnerung, ich weiß.

Ich weiß viele Dinge, eine Sprache, dass es eine Sonne gibt, auch wenn ich sie jetzt nicht sehen kann, was eine Paprika ist und vieles mehr, nur kann ich mich nicht erinnern, wie ich an dieses Wissen gelangt bin. Es ist, als wäre es mir angeboren.

Ich bin in einem Gang, einem Tunnel vielleicht und mich beschleicht die Ahnung, der alte Mann sei vor irgend etwas davon gelaufen, also krall ich mir die Armbanduhr in seinen Händen, renne in die andere Richtung und zieh sie dabei an.

Der Tunnel endet nicht, seit Stunden renne ich. Naja, seit einer, wie ich der Uhr entnehme, da entdecke ich einen Vogel, der einfach in der Gegend rumsteht, als warte er auf den Bus.

"Na, Vogel, weißt du, wo wir sind?" frage ich ihn freundlich, wobei ich mich direkt abwende und weiter gehen will, da antwortet mir der Vogel.

Das Wort hab ich nicht verstanden, sehr schnell gesprochen in extremer Höhe. Eigentlich nur ein Pfeifen oder n Zwitschern.

Kann mich nicht erinnern jemals mit nem Vogel gesprochen zu haben und da ich zwar einen vielversprechenden Gesprächspartner gefunden hab, mir aber der hintere Teil meines Schädels sagt, dass Vögel nicht verstehen was ich sage, gehe ich einfach weiter.

Nach einigen Minuten treffe ich auf mehr Vögel, die wieder auf den Bus warten. Eine Sekunde hab ich das Bedüfnis einfach neben ihnen auf den Bus zu warten, vielleicht kommt ja einer. Doch da gerät mein Blick in den Genuss von Tageslicht! Dort vorn ist ein Loch im Tunnel, aus dem warmes Sonnenlicht strömt. Hoffentlich bin ich irgendwo wo ich mich auskenne, denke ich bevor mir gewahr wird, dass ich nicht weiß, wo ich mich auskenne. Moment, wer bin ich eigentlich? Wie alt? Wie sehe ich aus?..

Etwas schnürt mir die Kehle zu, als ich das Gitter sehe, das das Loch blockiert. Auf der anderen Seite steht eine sonnenbedeckte Pflanze, an den Wänden ist Moos, doch der Vorhang zu groß um ganz hinaus zu schauen.

Das Gitter scheint aus Diamantsuppe gekocht worden zu sein, keinen Zentimeter rührt sich das fiese Mistding. Einen kleinen Trost spenden die Früchte. Nie Stachelbeeren gesehen und doch weiß ich ihren Namen.

Beim Essen sehe ich auf meine Hände.

Jung, ich würde schätzen vielleicht 15 Jahre. Komisch, für nen Fünfzehnjährigen weiß ich echt viel. Aber das kann trügen, es gibt Dreißigjährige, die hände wie Fünfzehnjährige haben. Dreißigjährige... Frauen.

Bin ich eine Frau?! Ein Schrecken überfällt mich, doch ein Griff in die Hose erleichtert mich und lässt mich hoffen, dass ich vielleicht sogar noch unter 15 bin.

Ich beschließe, dass das eklige Gitter sein Moos nicht verdient hat und reiße es ihm verächtlich ab, als nütze es was.

Tief in der Nacht bekomme ich Mitleid mit dem Gitter und gebe ihm ein bisschen Moos ab.

 

20.8.09 14:48


Ich hoffe, sie hat Recht

Ich werfe an der kleinen Gasse den Anker, gehe ans schlickige Ufer, an dem schon so mancher sein Auskommen gefunden hat; der Umweg zu keinem Ziel ist kein Ausweg, an dem man vorbeiweht und bleibt, er ist ein Fasten, kein Haus an dem du lehntest wird sich je an dich erinnern.

 

Bevor ich in den kleinen Laden gehe, rauche ich mir eine, die Dinge sind nicht leichter geworden in letzter Zeit. Früher, als nicht nur mein Körper in den Zwanzigern war, rauchte ich nicht. Seltsam krumm schmeckt die Zigarette. Meine Blicke schweifen ab in ferne Welten, in denen Krabben den Planeten übernommen haben, riesige rosa Krabben mit Haaren auf den Zähnen, die uns alle kräftig zwicken. Wir wachen auf und sehen, dass wir gar keinen Planeten besitzen, der übernommen werden könnte.

Der Laden riecht herrlich weich, Gewächse in allen Arten füllen die Ladenfläche und ein bärtiger Mann schaut hinter der Theke nach dem Wohlergehen der immobilen Kostbarkeiten. Versuche meine Gedanken beisammen zu halten, sehe nach, ob ich auch weit genug hinten stehe, um alles sehen zu können und betrachte den Raum dabei.

"Kann ich ihnen helfen?" fragt der Bärtige, als ich bei einer kleinen Birke stehen bleibe. "Sind wohl Birkenliebhaber, was? Ja, schönes Ding, ein Findelkind, man brachte es hier her, als es noch nicht geschlüpft war."

Ich sah den Mann regungslos an.

"Bist auf der Suche nach anderen Gewächsen, was?"

Ich nickte, während er mich ansah und sein Mund auf ging.

"Hanur?" fragte er, als hätte er Schwierigkeiten mich zu erkennen. War wahrscheinlich vor einigen Wochen erst bei ihm gewesen.

"Wer sonst?" 

"Ich weiß nicht, du siehst irgendwie anders aus."

Wir gingen durch die Tür hinter der Theke in einen Raum, in dem man andere Gewächse kaufen konnte, als im öffentlichen Teil des Ladens. Gewächse, die einem mehr helfen können, als Birken. Sie können dich nicht verändern, aber du hast die Chance von ihnen zu lernen, wenn du bereit bist zu akzeptieren, dass keine Wahrheit die Richtige ist. Ganz besonders deine nicht.

 

Nicht hier. Nicht in dieser Welt.

 

"Sie ist..." begann ich, doch er unterbrach mich, 

"die selbe?" 

"Ja. Aber dieses Mal brauche ich...."

"Das hier." sagt er und gibt mir einen Umschlag.

"Das kann ich nicht." sage ich und geb ihm den Brief zurück.

"Wieso nicht?"

"Ich kann nicht zu ihr gehen, sie ließe mich nicht rein."

"Du lässt dich nicht rein, aber nun gut. Der Herr soll bekommen, was er so lang nicht erfragt."

Er drehte sich kurz um und gab mir einen Umschlag, den ich ohne nachzusehen öffnete.

Es war unerträglich heißt, die Sonne schmolz den Himmel über meinem Kopf und meine Füße würden bald anfangen zu schmoren.

Weite Steppe, kein Baum im Bilde.

Ist das ein Kopf?

Ist das ein Traum?

Wer träumt denn so etwas?

Ich bin splitternackt, so gehe ich zügig weiter, wohin das weiß ich nicht, kein Anhaltspunkt. Als die Füße unerträglich heiß werden, bleibe ich stehen, kauere mich nieder, doch schon bald vertrockne ich, meine Haut wird brüchig und reißt. Nach Stunden nichts. Stehe auf und geh weiter, ich renne und falle auch sogleich. Ein Blick zurück weiß mir eine Wurzel als Urheber zu melden.

Eine Wurzel?

Es kracht, poltert, rappelt, ich fühle mich wie ein Bobbycar, welches die Treppe runter fährt.

So plötzlich wie dieser Moment ohne Vergangenheit kam, war er auch wieder weg, bzw. wie in diesem Fall, festgesteckt.

Mein Kopf ist wie eingeklemmt zwischen irgend was, hänge Kopfüber irgendwo drin. Als ich die Augen auftue, erblicke ich eine Frau, ihr Gesicht um 90° gedreht, offensichtlich steckt sie auch fest.

Da sehe ich, wer sie ist und mir stockt der Atem und der Mund wird trocken.

Es ist sie, sie hat die Augen geschlossen, ich kann sie atmen hören. Ich muss in einer Person sein, die sie kennt.

"Lea?" flüstere ich zittrig.

Sie scheint verschlafen, "Was? Wieso?" seufzt sie, dann schlägt sie die Augen auf und erschrickt. "DU??"

"Hi. Wie geht es deinem Garten?" frage ich nicht weniger zittrig.

"Mein Garten interessiert mich gerade herzlich wenig. Wo sind wir hier?"

Ich schaue mich mit den Augen um. 

"Weiß nicht, der Raum scheint viel zu klein für uns. Und da vorn ist eine Tür."

Sie sieht zur Tür. Tatsächlich, eine sehr winzige Tür mit winzigem Türknauf, so groß wie ihr Auge.

"Vielleicht kommste von aussen mit den Fingern ran. Probier's mal."

Sie macht ein angestrengtes Gesicht, sieht mich dann fassungslos an.

"Ich glaub, ich hab keine Arme." sagt sie.

"Wie? Keine Arme?"

"Versuch du's doch" sagt sie.

Keine Arme... 

Ich denke nach, dann geht mir ein Licht auf.

"Vielleicht bin ich die Tür." sagte ich ein bisschen scherzhaft, weil ich weiß, dass sie derartige Ansätze nicht leiden kann, "vielleicht muss ich mich einfach öffnen."

"Ich glaub nicht, dass das klappt." sagt sie, denkt leise und ruft "Martin! Mach doch mal bitte die Tür auf!"

Kurze Zeit später ein Klicken, die Tür öffnet sich und Lea ist verschwunden.

Ich höre meinem Blut dabei zu wie es schwerfällig aus dem Hirn rausgepumpt wird, während  ich darüber nachdenke, wie sie es geschafft hat.

Was sollte mir das sagen? Sie ist in einem Raum. Ein sehr kleiner Raum. Eigentlich viel zu groß für ihren ganzen Körper. Dann diese Tür... Unnormal klein. Oder... doch nicht? War sie unnormal groß?

Was ist hinter der Tür? Wenn sie nicht normal ist, ist es ein anderer vielleicht. Das ist es!

Soviel ich auch nachdenke, mir fällt kein normaler Mensch ein. Ich kenne keinen...  Vielleicht... muss dieser jemand nicht normal sein, sondern bloß in Bezug auf diesen Raum.

"Rolf! Kannste mir die Tür aufmachen?"

Sogleich fliege ich, es ist Tag und mein Wille der Weg. Die Landschaft sieht mir nicht vertraut aus, der Boden schrecklich abstoßend. Die Person in der ich bin muss gar schrecklicher Natur sein. Während unten das Grollen herrscht, wartet oben ein Himmelreich mit bunten Farben und einladenden Schwingungen.

"Den Tag seiner eigenen Herrschaft erlebt nur die schlechteste Kreatur, auf die fällt kein Schwert und Feder können nicht fallen, also werden sie zu Krabben, die sein gefühlsloses Fleisch in Unkenntlichkeit zwicken, ohne ihn aufzuwecken." wispert es aus den Wolken.

Nach einigem Fliegen sehe ich einen schwarzen Punkt in der Ferne, der zu einem fliegenden Mensch wächst.

Wir müssen hier weg, keine Ahnung, ein Gefühl, man ist hier nicht sicher. Ich starre sie an, als  wär die Antwort gegeben, will nicht vor, will dass sie zuerst hinauf zum Licht steigt.

Doch das tut sie nicht, macht Anstalten wie nichts nach unten zu gehen.

"Du willst doch nicht etwa nach dort?" frage ich entsetzt.

Sie gibt mir ein hämisches "Tss" entgegen und ist verschwunden, in dem dreckigen unbekannten Bodenkerker, der von hier oben weder Heil noch Ruh verspricht, gruslig verschrobene Zähne recken sich mir entgegen, ich fliehe ihr hinterher.

14.6.09 16:47


Das Kind der Dunkelheit oder Die Dunkelheit des Kindes

Mit steifen Fingern umklammert er sein Gefäß, reich an Kälte, mit Hoffnung und Trost gefüllt und schleppt ihn wie ein Bruder, wie einen Säugling an seine Brust gepresst umher, wissend, dass er nicht allein ist, dass, wohin er auch geht, der Wahnsinn ihn nicht ereilen wird.

Nicht hier, nicht jetzt, nicht diese Nacht.

 

Dann fällt er um, hält mutig das Gebräu in die Luft, doch prompt entreißt ihm ein Rabe seinen Schatz. Alle Trunkenheit fällt von ihm ab und er schlägt auf den Boden auf wie ein gevierteiltes Pferd, welches, zum Tode bereit, die letzte Zinne der Burg erklimmt und hinabspringt, er springt auf, hebt seine Faust und brüllt geistesgegenwärtig:

„Ich werde dich kriegen, du elendes Getier!“

Nachdem sein Schrei verhallt ist kommt die Angst zurück, sein Flaschenmut entrissen sucht er den schwarzen Horizont nach Licht ab.

Denn, wo Licht ist, so denkt er, ist auch Bier.

Nichts. Nicht ein einziges noch so schwaches Licht scheint ihm, spendet ihm Hoffnung.

Er geht die Straße weiter, ist sich sicher, dass nach ein paar Meilen ein Dorf kommt.

Es muss gleich hell werden, dann ist es zu spät, sie wird bald fort sein.

Er schließt die Augen, das stärkt die Trunkenheit, er fängt an zu laufen; bald wird er da sein.

Plötzlich wird er von den Beinen geholt, sein Schädel erst vorn, dann hinten getroffen.

Als er erwacht, überfährt ihn der Schreck wie ein Schneemobil. Um seinem Schreck zu begegnen kramt er seinen Tabak hinaus, entzündet die frisch Gewobene und ist erleichtert.

Er ist nicht blind, es ist bloß dunkel.

Doch wieso?

Ein Blick auf die Uhr ist vergebens, die Zeiger blieben am Zeitpunkt des Aufschlags, so scheint es, stehen.

Wie schwarze, leicht süßliche Milch scheint die Dunkelheit in sein Hirn getropft zu sein. Klebrig wie Eis, erhellend wie Schlamm. Er erinnert sich am Rande einer Straße gelaufen zu sein  auf einem asphaltierten Feldweg zwischen zwei kleinen Dörfern, er geht auf die Straße, eine kleine Anhöhe hinauf und blickt herum. Nicht ein einziges Lichtlein scheint ihm, wie lange schlief er wohl?

Er hört Schritte in der Nacht, in der wohl alles zu schlafen scheint. Kein Rascheln, kein Pfeifen vermag die Schrittklänge zu verzerren, sodass er mit erschreckender Klarheit die Entfernung und die Richtung bestimmen kann. Vorsichtig zieht er seine Schuhe aus, nimmt sie in die Hand und lauscht. Kein Zweifel, die Gestalt hält auf ihn zu.

Auf weichen und doch robusten Schafsocken schleicht er über den Asphalt, versucht die Gestalt zu umgehen; plötzlich nähert sich jemand von hinten, rückt an ihn heran.

Die Person von vorne ist nun nahe bei ihm, er kann ihr Parfüm riechen, ein warmer Geruch, der Erinnerungen weckt.

Ihm fällt ein, wer er ist, was er wollte und wie er versuchte all dem zu entkommen.

Von hinten packt ihn ein abscheuliches Gefühl, welches man hat wenn man die Spitze eines Messers nur wenige Zentimeter vor den Nacken hält. Es lässt ihn erstarren, er greift in seine Jacke, sucht irgend etwas.

„Guten Tag, lieber Henna. Was tust du hier?“ fragt die Frauenstimme und ein leichter Zug von Erdbeeren erlangt ihn.

„Ich bin grad aufgewacht, hab’s wohl gestern nicht nach Haus geschafft. Wer bist du?“

„Geht es dir gut?“ flüstert die Stimme, sie klingt besorgt.

Er kramt in seinen Taschen, dreht im Nichts, zündet sie an und hält das Feuer in ihre Richtung, will seine Erinnerungen auffrischen, doch der Schein vermag nichts zu erhellen.

Düster zeichnet sich das Pflaster unter seinen Füßen ab, deutlich dunkler als seine Schuhe. Keine Frau zu sehen, nur der Geruch bleibt.

Er ohrfeigt sich, „Wach auf Henna! Wach auf!“

Träge und auch etwas niedergeschlagen schrappt er seine Socken über den Boden.

Plötzlich erstarrt er, gehalten durch die warme Eishand, die seinen Hals berührt wie eine von Kälte geschundene Hand die zärtlich warme Teetasse umringt. Ängstlich reißt er die Augen auf, atmet schnell, doch denkt zu langsam. Dann legt sich eine zweite, eisig warme Hand an die andere Seite seines Halses.

„Ganz ruhig Henna. Beruhig dich.“ Flüstert sie.

„Bin ich tot?“ fragt er als freue er sich darauf.

Ein derber Schlag durchfährt sein Gesicht, wischt den Traum weg, sodass er dort hin fällt, was nun seine Realität sein sollte.

„Nein, nicht tot.... Bist du tot?“ seine Stimme wird brüchig wie geronnenes Blut, welches zuvor eine gefährliche Wunde verschloss, Linderung erreichte, nun aber abfällt, weil es die Nutzlosigkeit erreicht.

Sie drückt ihre Hände zu, sodass er, wenn er denn wollte, nicht mehr hätte sprechen können.

Teilnahmslos sieht er nach unten, ist nicht bei sich.

Sie lässt ab.

„Das wird schon...“ sagt sie und verschwindet.

„So eine Scheiße!“ ruft er, flucht, schreit die Nacht an und sinkt zu Boden. Da hört er Schritte hinter sich, erinnert sich an die Gestalt hinter sich und steht auf.

Der merkwürdige Geruch eines verstorbenen Freundes ersucht ihn, fasst ihn an, mustert ihn, sodass ihm unangenehm wird, dass er so bar vor ihm steht, auch wenn es nur sein Geruch ist. Er hat sich verändert, will nicht, dass sein Freund ihn so sieht.

Dem Geruch folgt eine Gestalt, dessen Füße in den schein des Feuerzeuges treten, welches den Tabak entzündet.

„Ich kann dich sehen!“ ruft Henna erfreut und steht auf.

„Achja?“ gibt die gestalt zurück, dessen Gesicht dem Feuerschein nicht widerspricht. Doch sagt es auch nicht zu, das Gesicht spiegelt das Seine; sein Gesicht im Körper eines toten, doch die Augen... sie gehören nicht ihm, doch sind sie ihm nicht fremd.

„Wer bist du? Was tust du hier?“ sagt Henna.

„Ich bin hier um dir etwas zu schenken, hoffe es hilft dir.“ spricht die Gestalt etwas wehmütig.

Ein gläsernes Klicken lässt ihn hellhörig werden, dieses Klicken kennt er wie der Geräusch seiner Wanduhr.

Egal wie viel Nebel seinen Schädel auch immer in diffusen Geistesorient taucht, eine Bewegung bleibt ihm inne. Eine Bewegung, welche seine Hand reflexgleich wie in einem Hilferuf nach vorn streckt um jenes Gift zu erreichen, welches Trost und Kraft spendet, letztlich jedoch Julias Körper unsichtbar macht und Romeos zu Grunde richtet.

Kaum hat er die Flasche gepackt, füllt er mit ihr auch sogleich seinen Magen, der Hopfen steigt augenblicklich ins Gehirn und will die Schädeldecke durchbrechen, reißt und drückt brachial in seinem Kopf herum, sodass er aufstehen muss. Er steht auf, schließt zur inneren Ruhe die Augen um sein vormaliges Ziel erneut zu entdecken und setzt sich in Bewegung. Strammen Schrittes rammt er sich vorwärts, schiebt die Nacht beiseite und ist schließlich so forciert, dass die Nacht ihm eigenständig weicht, die Flucht ergreift, denn in seinem Herzen leuchtet ein Licht, welches nicht einmal die stärkste Dunkelheit zu trüben vermag. Nicht viel später, nach einigen hundert Schritten wird Henna gewahr, dass er, nicht aber der Hopfensaft in seinen Händen leichter wird.

Er prüft das gläserne Kind und stellt fest, dass es noch gefüllt ist. Hastig schluckt er weiter, bloß um sicher zu gehen dieses Wunder richtig aufgefasst zu haben.

Er hat, wird nervös, fängt an zu zweifeln.

Was, wenn es birst? Was, wenn er sich daran totsäuft, gar irr wird?

Hoffnungsvoll marschiert er weiter, trinkt nach Herzenslust und wird stetig schneller. Da es stockfinster ist, läuft er mit geschlossenen Augen, dann aber, ganz unvermittelt, fällt er, unwissend warum, nicht wissend wohin, im Dunkeln darüber, wie tief.

Er spürt keinen Aufprall, kein Schmerz, kein Geräusch. Und doch hört das Fallen auf, der Boden, ihm vertraut wie einer Schlange, liegt unter ihm, warm und verzeihend, doch so kalt und verschlossen, dass man meinen könnte, er hätte etwas zu verbergen.

Als er zu sich kommt fühlt er sich betrogen, grad so, als sei der Asphalt daran schuld, der unschuldig und tatenlos unter ihm liegt.

„Du Arschloch!“ schreit er den Boden an, „weißt du nicht, dass du der einzige bist? Und du wendest dich gegen mich? Wie konnte ich der....“ er stoppt, nimmt einen tiefen, tiefen Schluckt, küsst dein schäumenden Engel, als wolle er den Boden neidisch machen, verliert sich fast in ihm, fährt seinen eigenen Film, kann sich dann doch losreißen, setzt ab und schreit weiter.

„... der.... ihr...“ er sieht verwirrt aus, sein Gehirn, angetrieben durch das Kerosin der Wut, rast, sucht vergeblich erneut Halt zu fassen an den glitschigen, steilen Hängen seiner Gedankenwelt: „Was will ich hier? Was ist das für ein Trip? Wer... oder.. wo bin ich?“

Er schlägt den Boden, ein hölzernes Geräusch ertönt, gefolgt von einem Schmerz in seiner Hand, die die Hassflammen aus seinen Gliedmaßen treiben und ins Innere leiten.

Er kauert nieder, schluchzt und klammert sich an seine Medizin.

Er versucht sich zu erinnern, will ergründen, was ihn nicht vom Fleck kommen lässt.

Das letzte, was seinen Erinnerungen bleibt, ist sie.

Nun sieht er sie in seinem Kopf. Verschwommen, hüllenlos, lediglich ein Gefühl von ihr, der weit entfernte Geruch der Liebe. Doch auch den Geruch des Scheiterns vernimmt er, leicht steht er neben ihr, zunächst sehr schwach, dann immer stärker.

„Wer ist sie?“

Er geht durch eine Tür hinter ihm.

An der Schwelle stoppt er, sieht Chaos dahinter liegen, freundliches, einladendes Chaos, seine Erinnerungen sagen ihm, hier sei er geborgen, hier sei er zu Haus.

Und doch geht er nicht weiter, etwas hält ihn davon ab.

„Wenn dein Herz auf einem Floß liegt, schwimmt man nicht ans Ufer; du magst das Ufer zwar erreichen, doch das Floß treibt weg. Es verrottet und wird eins mit der See.“ Sagt jemand, den er mal kannte. Er ist nicht zu sehen und doch ist ihm, als käme die Stimme aus dem Mund eines Mannes, der, seine Hand auf der Schwelle, versucht hat sie zu übertreten, doch verendet ist. Röchelnd, kraftlos, ohne Reue liegt er da und seine Stimme schwebt wie die Schwingungen eines längst vergessenen Massakers im Raum, haftet, wartend auf die Ohren, welche dem letzten Wunsch Frieden geben.

Henna stolpert zurück, wankt, landet auf dem Po, überschlägt sich und erblickt eine Tür wie aus Frauenhaut gespannt. So zart, fast zerbrechlich und Verlangen weckend nach dem, was da hinter ist.

Sein Kopf scheppert dagegen, er wird zurückgeworfen und sein Kopf schmerzt. Einen Schlüssel hat er irgendwo, dessen ist er sich sicher, doch wo ist er? Wo nur?

Wissend, dass er ohne Schlüssel das Tor niemals durchschreiten könne, dass er nirgendwo als hinter dieser Tür Glück finden könne kniet er sich vor die Tür, nimmt sich vor die -Tür mit Gewalt in Stücke zu reißen, zögert, zweifelt, und lässt es schließlich, als ihm bewusst wird, dass er nicht mal mehr weiß, was er hinter dieser Tür erwarten solle. Eine Frau vielleicht?

Wieso ist er überhaupt hier, wieso sein Blick getrübt?

Wieso ist seine Hoffnung verloren, wieso der Schlüssel weg?

Dann kommt die Erkenntnis, die ihn trifft wie den Mathelehrer im Supermarkt.

Das Bier! Die kalten Klauen jenes Kindes, welches, in ihm gewachsen, versucht von innen heraus zu brechen, seinen Vater zu töten, ganz langsam, ganz schleichend.

Er hebt das Bier, holt aus, legt die Gedanken, Sorgen und Ängste hinein und zerstört sein Kind an der Tür.

Was hatte er gedacht fragte er sich im Moment des Aufschlags, dachte er, seine Probleme seien gelöst?

Dachte er etwa, er käme durch bloßes Aufstehen nach Rom?

Er weint, weint um das Zerbrochene Wunder in dessen Scherben er sich spiegelt.

Doch dann, die Tränen fortgewischt, wird er geblendet von einer Schönheit, die ihm erneut Tränen in die Augen treibt.

Blind vor Glück tastet er in den Scherben, reißt sein taubes Fleisch in Stücke, kramt, wühlt, dann aber spürt er den kalten Schlüssel, den der enge Hals nicht freigeben konnte.

Er steht auf und fühlt sich unterkühlt, als ihm bewusst wird, dass er die Nacht lang die Fußmatte wärmte und dass nicht der Tritt über die Schwelle der Erste ist, sonder der auf sie.

 

8.5.09 14:10


Gestrandet

Stranden kann jeder Mal. Irgendwo. Irgendwann.
Doch strandeten wir alle einst in unseren eigenen Köpfen und tasten uns, Zeit unseres Lebens kopflos nach vorne, auf der Suche nach der Wirklichkeit, unserer Heimat, die wir längst vergessen haben oder vielleicht nie kannten? Und was ist, wenn wir, am Ende unseres Lebens feststellen, dass die Insel, auf der wir strandeten unsere einzige Heimat ist und zu unserem vermeindlichen Zuhause eilen um unsere Suche dort fortzusetzen?`
Niemand erfreut sich an einem Baum seiner Heimat. Doch alle lieben den ersten Baum der Insel auf der man strandet. Was ist die Insel, wenn sie gleichzeitig die Heimat ist und woher kommen wir dann? Von einer anderen Insel? Von der Gleichen? Sind wir aber auch vielleicht seit Äonen in unseren Köpfen gestrandet; fehlt uns der Mut, die lange Reise zu unserer Heimat anzutreten?

8.5.09 13:50


Ich weiß, sie wartet

Kurz nach halb 11 war ich fertig. Jedenfalls mit Torge. Und mit den Nerven.

Er erinnert mich fortwährend an diesen alten Film, wo Bill Murray Fisematenten mit den Bewohnern von Punxsutawney treibt.

Jeden Tag ist für ihn der 3. Tag hier, als er den Sturz nicht ab konnte. Zum Glück kennt er unsere Namen, doch er erwacht täglich in einem Zustand der Hilfsbedürftigkeit. Jeden Tag entwickelt sich seine Person neu. Und stets anders. Faszinierend wie deprimierend, wenn wir uns bloß anpassen, wer hat dann damit angefangen? Mich ängstigt der Gedanke, was Bill tat, als er sich der Falle bewusst wurde. Torge würd's gelingen, auch würde er keine Frau finden.

 

Nicht hier. Nicht in dieser Welt.

 

Jedes Mal erzählt mir Torge andere Dinge, je nach Erlebtem den Tag.

Tief in den verschrobenen Kloakenzellen des Grabhügels, ganz weit im Boden, des Kellers Keller, schlafen drei Mythen. Legenden, die hier oben niemand recht glauben will, als Gerücht verwirft, doch als Gruselgeschichte fürchtet. Drei bildhübsche Mädchen, zusammen eingeliefert, alle stumm; in den Unterlagen steht, sie seien vor den 20ern geboren. Ein Scherz eines Mitarbeiters? Tippfehler? eines steht fest; sie sind alle drei schon verdammt lange hier, schlafen meist und sind finanziell noch lange abgesichert.

Manchmal wachen sie auf, niemand weiß genau wann oder wieso.

Es war eine dieser halbkalten Nächte, die dich morgens schon mit dem selben Neunschwänzer in die Häuser treibt, wie abends.

 

Ich liege auf der Couch und träume, ich liefe in der Wüste herum. Es ist eisig, dann geht die Sonne auf in Form einer Frucht. Ich laufe zum Horizont um meiner ausgebrannten Kehle die rettende Decke überzuwerfen, doch die Frucht steigt den Himmel hinauf, wird unerreichbar, bis sie wieder sinkt. Ich laufe und hetze wieder zum Horizont, doch ich komme zu spät. 

Sie verschwindet, es wird eisig.

Noch ist die Hoffnung nicht verloren. Morgen geht sie wieder auf, wie an jedem anderen Tag, doch jedes Mal ist sie mehr verfault, sie rottet, unerreichbar am Himmel, bis sie, einsam und ohne Würde, eines Tages vom Himmel stürzt, vor mir einschlägt und ein offenes Grab hinterlässt. Kurz bevor ich des Toten Gesicht sehen kann, wache ich auf.

Es ist Nacht, die Lichter sind aus, damit der Wahnsinn ungehindert reifen kann, bis der Humus am Morgen durch Medikamente zu Torf zerkocht wird.

Kann nicht mehr schlafen, schweißbedeckte Decke, ich gehe grade nach unten, um Kaffee kochen zu lassen, kann noch was erledigen, bis die anderen da sind, da geht das vermalledeite Ding nicht. Also weiter hinab in den Keller zum modifizierten Automaten des Hausmeisters. Es heißt er sei dank dieser Brühe in der Lage, wochenlang ohne Pause zu putzen.

Es ist zwischen gestern und morgen, ein ganzes Jahr zwischen damals und irgendwann, ich bin zuhaus, war seit Wochen in keiner Wohnung.

Die Klappe geht auf, ich stelle die Gaststahltasse auf die Platte und lasse sie besuppen, da fällt mir ein Singen auf, wie eine Meerjungfrau oder ein Waal. Das Licht hab ich nicht eingeschaltet, ich weiß wo alles hier ist, jede Tür, jeder Stuhl.

Das Singen zieht mich an; während es mich lockt verändert es seine Form, geht nahtlos in eine Spannung in der Luft über, die an den Festen des Gebäudes rüttelt, dann in einen Traum, eine Frau, die auf mich zugeht. Sie hat die Augen verbunden, ich will die Augen aufschlagen, doch sie sind auf. Sie fällt durch den Boden, schlägt von hinten auf mir auf, geht mir in die Knie - ich falle, das Singen wird kurz Knacken in meiner Hand, dann verstummt es abrupt.

Ein kleiner Schluck der Energiebrühe treibt mir die Wirklichkeit dieser Welt wieder ein.

Fühle mich seltsam, irgendwie allein. Möchte mal nach unten gehen, sehen was die Momas machen. So nennt Barty sie immer.

 

Mädchenomas

 

So wie ich dem Raum näher komme, beschleunigen sich meine Gedanken über das, was mich bestürzt. Mir ist immer unwohler, wieso arbeite ich eigentlich Tag für Tag, wenn nichts an Wert meinem Sein nachhängen wird, warum nach unten gehen;

Bald bin ich an dem Raum, der Magen schmerzt zusehens, als hätte ich einen Eisblock gegessen, in dem die Wut meiner Welt konserviert ist. Tief leigt mir die eisige Wut im Bauch, breitet sich aus, lähmt erst mein Herz, dann das Atmen.

Hätte ich damals nur auf sie gehört, hätte ich sie nur vergessen, mir eine Frau genommen. Dann hätte ich wenigstens ein Leben gehabt, auch wenn das absolute Glück nie möglich gewesen wäre. Aber ist es jetzt möglich? Werfe ich mein Leben für sie weg? Sie ist es nicht wert, wirf sie weg, was hat sie schon für dich getan? Ich gehe immer näher ran, ein Rauschen in meinem Kopf steigt an, wie der Has, der Schmerz und das Ungefühl.

Hat sie je etwas für mich getan? War sie jemals ehrlich zu mir? Ich hasse sie, weil sie unter Schmerzen ein glückliches Leben führt, während ich unter Schmerzen auf ein vollkommenes Leben hoffe - doch sie kam nie.

Fast an der Tür, schwallt mir der Unsinn zu mir und verteilt sich im Raum. Was tu ich hier, was mache ich? 

Sinnlosigkeit. Ich höre zarte Schritte hinter mir. Dann trete ich ein in hellwarmes Licht, alle Wärme strömt zu mir, vollkommener Frieden erwartet mich hier, ich bin im hier, bin im jetzt, bin nicht allein.

 

Nicht hier. Nicht in dieser Welt.

 

Die drei liegen in ihren Betten und schlafen, ihr Schönheitsschlaf scheint schon ewig zu dauern, sie sehen aus wie gemalt, gemeißelt vielleicht, nicht wie eine verletzliche Leinwand.

Die Schwarzhaarige erregt das größte Interesse, auch die größte Unsicherheit geht von ihr aus, so setze ich mich ans Bett der blonden Schönheit.

Die Tür fällt ins Schloss, jemand setzt sich irgendwo hinter mir hin. Das Schild am Bett zeigt ihren Namen. Laura.

Mein Lächeln gilt der Ironie, denn ich sehe auf die anderen Namen.

Ihre Hand fühlt sich an wie Stein. 

Ich bin daheim, eine weißhaarige Frau sitzt rücklinks in nebligem Raum, der dem Rattern meines Herzens gerecht wird.

"Laura?" lasse ich in den Raum hinaus, obwohl ich nicht weiß, ob die Worte die Frau erreicht hat, so nahe ist meine Welt in diesem Raum. Sie hebt die linke Hand, ihre jugendlichen Hände zierte ein Ring, wie den, den ich später Lea geschenkt habe, doch dieser ist aus Gold.

"Wo bin ich?" frage ich, stocke; was für ne Frage... 

Neuer Versuch

"Wann?... Wie alt... nein, wie.." jetzt komme ich durcheinander.

"Wie alt bist du?"

Super, von allen Fragen stelle ich die sinnvollste. 

Einen Moment ist's still, dann antwortet die Frau mit der Stimme dreier Frauen leise, fast flüsternd:"Ich bin schon sehr lange hier. Sehr lange allein. Weißt du, auch ich warte schon lange," sie steht langsam auf, plötzlich färben sich ihre Haare schwarz.

"Ich war hier." sagt sie leise mit gesenktem Blick. "hab gehofft, hab gewartet. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie es ist, wenn man nicht gefunden wird?"

Sie geht Schritte auf mich zu, ich geh sie zurück. Sie schüttelt den Kopf, ihre Haare werden schlagartig blond, sie jagt auf mich zu:" Hast du mal an mich gedacht?" schreit sie mich an, ich stolpre, falle nach hinten, schieb mich auf dem Boden rückwärts. "Du weißt doch gar nicht, wo ich jetzt bin! Lebst dein eigenes Leben..." "Ich habe kein eigenes Leben!" flüstere ich, es geht unter., "Wie kannst du es nur wagen, dich einfach hin zu setzen und zu glauben, ich würde dich irgendwann abholen?"

"Abholen?" ich werde laut, ziehe ein finsteres Gesicht und stehe auf. Jetzt bin ich an der Reihe, doch zuvor muss ich sehen, wo ich bin. Wann ich bin. Die Tür ist verschlossen.

"Diesmal nicht." sagt die nun brünette Frau, "die Zeit ist vorbei. Du bist auf der Suche? Aber wonach suchst du eigentlich, wenn deine Suche dich weg führt von der Wahrheit?

"Ich war nie auf die Wahrheit aus, die stand von Anfang an nicht zur Debatte, alles was ich wollte, ist Einsicht."

"Einsicht?" fährt mich die Blonde an, "Einsicht, dass deine Wahrheit die richtige ist? Dass sie die einzige ist?"

"Nein. Bloß die Einsicht, dass keine Wahrheit die richtige ist, ganz besonders deine nicht."

Ihre Haare flammten brünett auf, "Ist es nicht mein Fehltritt? Nicht meine Übung? Ist meine Wahrheit nicht genauso wahr?"

"Sicher, doch normalerweise schlägt man einen anderen Pfad ein, wenn die Fallgrube zum Alptraum wird und tapeziert sie nicht auch noch. Davon ab hasst du sie alle dafür, dass du allein bist, obwohl es deine Entscheidung war, dies als deine Wahrheit anzunehmen.

Du bist nicht allein. Ich bin da, so wie viele hundert andere!"

"Sagst du! Aber wo sind deine Beweise?"

"Ich hab nur einen." sage ich und gehe langsam auf sie zu. Ihre Haare schlagen schwarz; ängstlich, doch neugierig sieht sie mich an, da renne ich auf sie zu, packe sie und küsse sie.

Sie entspannt sich, wird weich, fließt auseinander; jetzt stehe ich allein im Raum und höre ein Klicken im Schloss.

Nichts sonst passiert.

Ich setze mich, stütze den Kopf ab und verdaue.

Die Tür! Ich öffne sie und stehe vor einem reißenden Fluss. Wie kann das... ich hetze zum Spiegel - sehe aus wie Anfang 20, das ist nicht möglich! Das ist ein Traum. Wach auf Hanur, wach auf!

Na schön, von mir aus. Gehe zum Kalender, wann ist heute?

Ich bin 24, morgen ist's noch eine Woche zu Leas Geburtstag.

Brauche noch Gewächse, ich schmeiß mich in den Strom.

 

10.3.09 17:33


Ich glaube, ich hab sie gesehen

Auch auf der Uni war ich nie allein. Und doch war ich einsam, hatte keine Freunde.

Nicht hier, nicht in dieser Welt.

Irgendwann zweifelte ich daran, ob es meine Welt überhaupt gab, hatte keine echten Erinnerungen an sie, bloß eine Ahnung, falsche Erinnerungen machte der Glaube, dass meine Welt da sein müsse, da sonst alle Hoffnung verloren wäre.

Ich hatte sie schon damals seit Jahren nicht gesehen. Auch wenn ich im Gegensatz zu Lola, nie rannte, wusste auch ich:

Das Leben Endet Anders.

Ich ging eines Morgens aus dem Haus, da stand ich sogleich vor einem reißenden Fluss; ich ging an diesem Tag früh aus dem Haus, die Geschäftigen waren unterwegs, rieben sich an den Stromschnellen der Straßengaukler und flossen Richtung Firma ab. Mein Begehr war es, Gewächse zu kaufen und nach der Erfahrung aus meiner Welt, in der man Gewächse früh morgens sehr gut bekommt, war ich auch heute sehr früh unterwegs, ungeachtet dessen, dass sich der wandelnde Tag inzwischen eine Einheit ist. 

Doch nur hier. Nur in dieser Welt.

Gerade als ich in den Fluss springen wollte, der niemand trägt, da man selbst fließen muss und sonst untergeht, entdeckte ich einen dünnen Faden einer Farbe, die als ausgestorben galt, wie der feine Currygeruch, der in unserer Fastfoodwelt dezent an die längst kolonisierte Heimat erinnert; die blasse Silhouette eines Findlings in dieser Welt der rechten Winkel.

Eine Spur, eine Fährte, die schon fast verflogen war. Da waren die Gewächse vergessen, schon flog ich wie ein Delphin durch den Fluss, zog mich nach vorn. Plötzlich teilte sich die Spur, die eine folgte dem Fluss in Richtung Firma, die andere glitt rechts aus ihm heraus in eine ruhige Seitenstraße; das kam mir sehr gelegen, ich ging also ans Ufer hinter der sonderbar warmen Farbe her. Das Kopfsteinpflaster der geschichtsträchtigen Stadt sah sekundenlang aus wie in meiner Welt, da sah ich sie. Keine Silhouette, kein Glaskörper, keine Ahnung. Ich sah sie, ihre schwarzen Haare, das markante Kinn... Sie sieht sich noch kurz um, blickt die Straße entlang, erblickt mich. In ihren Augen sehe ich die plötzlich aufflammenden Erinnerungen an unsere Welt, deren Nichtexistenz sie schmerzt, doch deren Fortleben sie hofft, dann geht sie in den kleinen Laden.

Er verkauft Gewächse.

Ich gehe ihr hinterher, betrete den Laden, wir feiern unser Wiedersehen und den kleinen Meter zurückeroberter Welt.

Doch nicht hier. Nicht in dieser Welt.

Ich sank stattdessen auf die Knie und achtete auf ihre Welt, statt unsere zu retten.

Es blitzte in meinem Kopf, schnell hetzte ich zurück zur Straße: Die Spur war verschwunden. Hektisch eilte ich in Richtung Firma, schwimme um mein Leben. Suche. Hoffe.

Vom Strom der Geschäftigen schwimme ich in den Fluss der Hausfrauen, den die Mittagssonne schmierig glänzen lässt, durch den Rinnsal der Nachmittagsmüßiggänger, der in der kurzlebigen Schmelzwasserflut der Späteinkäufer mündet, zum langsamen Bach der Nachtschwärmer, der nach langem Treiben wieder von dem Strom der Geschäftigen weggeschubst wird.

Tag und Nacht schwamm ich durchs Leben, dann verließen mich die Kräfte, das Ufer war kalt, hier im Strom war wenigstens die Erinnerung an diese Farbe, also blieb ich, sank auf den getretenen Grund des Gewässers nieder, bereitete mich vor, vergessen zu werden, als zwei Beine plötzlich vor mir stehen blieben. Mein trauriger blick wanderte an ihrer Hose hinaus zu ihrer Bluse und weiter zu ihren blonden Haaren, die, vom Wind nicht erfasst, seelenruhig ihr Haupt zierten.

"Was ist denn los?" sagte sie liebevoll. Ihre Augen reichten mir die Hand, die ich sofort ergriff, aber nicht aufstand.

"Ich kann meinen Frieden nicht finden und wenn ich ihn finde, nehme ich ihn nicht." sagte ich. Sie ging in die Hocke und sah mich weiter an.

"Wieso nicht? Magst du den Krieg?"

"Niemand, der wirklich weiß, was Krieg ist, mag ihn. Aber lieber kämpfe ich mein Leben lang den Krieg, als den wunderschönen Frieden zu zerbrechen, wenn ich ihn greife."

Die fremde Blondine nimmt mich ohne Vorwarnung in den Arm, welch sonderbarer Geruch... Roch nach Heimat.

Als ich nach langer Zeit die Augen auftat, sah ich sie, wie sie halbdurchsichtig vor mir stand, ihre blassen Tränen fielen durch den Boden, während sie die Hand zu mir ausstreckte. Die ergriff ich, da legte sie mir etwas von ihrem Geistkörper in die Hand.

"Ich liebe dich." flüsterte ich leise, nicht gewahr darüber, in wessen Armen, an wessen Ohr ich mich befand. Die junge Dame in meinen Armen erstarrte. Der Geistkörper verschwand. Was war sie? Ein Tagtraum? Eingebung? Magie? Eine Erinnerung? War sie wirklich da? Ich? Das Mädchen in meinen Armen drückte mich ein wenig fester.

"Keine Ursache." sagte sie leise. Da begriff ich. Wir lösten uns und standen nervös voreinander.

"Komm doch mal vorbei." sagte sie lächelnd, wobei sie sich umdrehte und verschwand. Ich wollte heim, mir war kalt, durchnässt vom Leben tropfte der Entschluss auf den Asphalt, während ich nach Hause ging. Ich klopfte auf meine Taschen, was war das? Leer?? Wo war mein Schlüssel??? Hatte ich ihn im Fluss verloren? Hatte sie ihn mir geklaut?

Da fühlte ich etwas in der rechten Hand. - Ein Schlüssel.

Es stand "Laura" drauf. Kein Hinweis auf ihren Wohnort, weswegen ich den Schlüssel in meine eigene Tür schob - er passte. Die Wohnung, allem Anschein nach nicht meine, ließ durch den Türspalt etwas nach aussen, was es nicht gab.

Nicht hier. Nicht in dieser Welt.

Hinter der Tür war nicht meine Welt, oder Teile von ihr, bloß nicht diese Welt. Hinter dem Vorhang saß eine Frau mit dem Rücken zu mir.

Sie hatte keine schwarzen Haare, doch auch keine blonden. Sie hatte weiße Haare...

2.3.09 17:56


Ich wünschte, sie käme irgendwann

Viele Pfleger sind krank, deswegen muss ich hin, Zeit zu schinden für das, was zu retten nicht in meiner Macht steht.

Nicht hier, nicht in dieser Welt.

Ich bin Magier, habe halbphänomenale, fastkosmische Kräfte, kann Kriege frieden, Hunger stillen und Mauern einreißen ohne einen Finger zu rühren. 

Doch nicht hier, nicht in dieser Welt.

Ich kann Kranke heilen, deswegen bin ich jetzt auch dort, bin gerufen um die Aufständischen niederzuschlagen, die meine Welt herstellen möchten. Aber ich habe Angst. Angst zu siegen, die Revolution zu führen, gestürzt zu werden von den Gesunden, den Kranken meiner Welt, und meine Welt zu verlieren, denn sie ist kein Ort, den man aufsuchen kann, keine Zeit, die einmal war, keine Utopie, die man erdenken kann. Sie ist die Lieblingsfarbe der Wenigsten, Farbe der Furcht von manchen, Gelegenheitsfarbe der Opportunisten, für die Meisten jedoch eine aus der Mode gekommene Farbe, deren mächtige Bedeutung ich an diesem fast verschwundenen Faden festklammere und über dem Abgrund halte.Ich warte auf einen mächtigeren Magier, der aus der Farbe keine Kraft schöpfen kann, sondern rücksichtslos die farbige Atombombe zündet. 

Arielle hält mir noch die Tür auf, wahrscheinlich hat Torge alle aufgefressen, "hoffentlich" denke ich und schmunzle. Ich geh nach vorn und unterschreibe, dass ich anwesend bin - ob's stimmt oder nicht. Dann erklärt mir Barty die Sachlage.

"Torge hat alle aufgefressen." sagt sie verstört.

Ich ziehe eine Braue hoch und sehe hinter mich. Stehe ich noch dort vorne?

Sie lacht.

"Nein, Torge steht im Raum. Es ist gar Merkwürdiges zu Gange, es sieht wie ein Schauspiel aus, sehen sie selbst mal nach."

Verwunderlich, dass Barty trotz der ungewöhnlichen Ereignisse zu Scherzen aufgelegt ist. Als ich durch die große Tür gehe, sehe ich den Raum in Bewegung. Alle Patienten fließen in einem Kreis um den bewegungslosen Torge herum, niemand zittert, niemand schreit, alle summen ein monotones Surren, als Fanker mich entdeckt löst er sich aus dem Fluss und geht auf mich zu.

"Guten Morgen, Dr. Kross; Sehen sie! Sehen sie!"

"Ich sehe das, Fanker, wer hat damit angefangen?"

Fanker sieht mich fragend an. "Na sie da!" sagt er und zeigt auf die Fensterbank. Ich kann niemanden erkennen. "Sie sagt, gleich sei es soweit. Dann sind wir frei. All die Dinge, die uns Kanten geben fließen zur Mitte."

"Zu Torge?"

"Ja genau, der frisst sie auf, damit sie in seinem Bauch bleiben um ihn satt zu machen, ihn auf dem Boden zu lassen. Dann ist auch er frei."

"Was macht ihr dann ohne die Kanten, Fanker?"

"Wir fließen, Dr. Kross, ecken nirgendwo mehr an. Kanten kann man sich erst leisten, wenn man der Boss von irgend jemandem ist, sagt sie. Das sind wir nicht; wir sind Antibosse, sagt sie. Jeder ist unser Boss."

"Wer ist sie? Kenne ich sie?"

"Oh ja, Dr. Kross, sie haben sie doch geschickt, wissen sie nicht mehr?"

Ich sehe durch die Tür, Barty telefoniert und blickt mit angespanntem Blick in den Raum. Ich weiß, was das heißt und werde nervös. Doch da kommt Frank auch schon den Gang entlang. Einen Kärcher voll Terpentin schleppt er auf dem Rücken durchs Leben.

"Was geht hier vor???" brüllt Frank von oben her."Kross, gehen sie bei Seite!!"

Die Worte meines Cheffs packen mich an der Schulterkante und ziehen mich zu ihm aus dem Raum heraus.Die Tür schließt die Tanzenden ein. Die Frau an der Fensterbank, die ich nicht sehen kann, steht auf und geht auf mich zu, fasst mir von hinten an die Schulter, da schlägt Frank den Schalter und Gas streckt die Patienten nieder. "Puh, heile Welt." seufzt Frank erleichtert und geht weg, während ich die bloße Hand an die Scheibe presse und die kraftlose Hand Leas greifen will, die an ihr zu Boden sinkt.

Arme Lea.

Sie ist die fleischlose Verkörperung des Leitsatzes:

das Leben Endet Anders.

Immer wieder kehrt sich die Fremde, die Verachtung und die Kälte dieser Welt in den Stoff, aus dem die Träume sind und nähren damit den hoffnungsvollen Wunschtraum, das 

Leben Ende Anders.

Es ende anders als man fürchtet, anders als erwartet, anders als geplant, doch vor allem ist es die Hoffnung, das Leben Ende Anders,

als sonst.

Doch leider ist es bloß die fleischlose Verkörperung, denn ich kann sie nicht sprechen hören. 

Nicht hier, nicht in dieser Welt.

Immer, wenn dieses Gefühl der Hoffnung groß wird, kann ich sie fast riechen, dann hoffe ich wie ein kleiner Junge, sie würde sichtbar, würde mit mir kämpfen, doch stets wird sie zerschlagen, dann spüre ich Leas verschwindende Hand auf meiner Schulter und fühle mich allein,

in dieser Welt.

26.2.09 21:19


Kleine Käufer

"Ich kauf deine Freunde..."

"Pah! Welche Freunde?" sagt sie mit gesenktem Haupt und ihre Augen schütteln mit dem Kopf.

Sie ist Mitte zwanzig, braucht sich nicht zu verstecken, kann ihre Freude nicht verbergen, auch wenn sie sie in Tränen einschließt. Ich strecke die Arme aus, will sagen "umarme mich" und sehe berührt bei Seite.

"Ich kann nicht." sagt sie. "es schmerzt schon mit dir zu reden. und früher oder später..."

Da sammeln sich alle Gefühle, die sie je in mir vorrief und sprengen meinen Kopf. "Wie lange kennen wir uns schon?"

"Zehn." sagt sie leise.

"Vor zehn Jahren," schreie ich sie an, " habe ich geschworen dich nie allein zu lassen. Zehn Jahre lang hattest du Angst, wolltest mich nicht sehen. Zehn Jahre lang habe ich dir gesagt, dass ich der einzige bin, dem du vertrauen kanst und der dich nie verlassen wird. Wo war ich zehn Jahre lang? Wo war ich?"

Sie schweigt.

"Ich war hier. Bei dir. Dir treu. Zehn Jahre lang war ich ungewollt an der Seite deines Schattens, ohne Aussicht auf Besserung. Soll ich weitere zehn Jahre warten, bis du begreifst, dass ich dich nicht enttäuschen oder verlassen werde? Willst du, dass du erst im Tod verstehst, dass einzig ich dir wohlgesonnen war?

 

Aber dann ist es zu spät, dann bist du allein."

Ich stehe auf und gehe ein Stück, um das Zittern meiner Ohnmacht zu verbergen, die ich stets lächelnd ignoriert habe.

 

"Vielleicht werde ich, wenn alle dich vergessen haben, allein auf deiner Beerdigung sein. Doch ich werde nicht weinen, denn ich vergoss all meine Tränen bereits vor zehn Jahren, als du dich in dein selbstgeschaufeltes Grab legtest.

Menschen kommen, Menschen gehen.

Wahre Freunde bleiben. Auch nach dem Tod.

Wenn du niemanden in dein Haus lässt, wirst du nicht beraubt. Aber du bekommst auch keinen Kuchen."

Sie fängt eine ihrer Tränen mit der Hand auf und zerquetscht sie in ihrer Faust. Dann springt sie auf und mir die Faust ins Gesicht, schlägt mich nieder und selbst auf dem Boden auf.

Immer weiter hämmert sie auf mich ein.

"Halts Maul!" schreit sie, "Halt endlich das Haul! Glaubst du, ich weiß das nicht?"

Je weiter sie schlägt, desto mehr Tränen sammeln sich in ihren Augen; sie sitzt jetzt über mir, ich auf dem Boden, die Arme ausgebreitet, ich wehre mich nicht.

"Denkst du, ich weiß das alles nicht?" 

Während sie schlägt hebe ich den Kopf und sehe sie an, "du hast mein Wort." sage ich zu ihr, ernster als jemals zu vor in meinem Leben.

Ihr Rausch mir den Schmerz des Abstand haltens einzuprügeln erreicht seinen Höhepunkt, das Adrenalin erreicht die Normalität und sie fühlt wieder ihren Schmerz, sinkt auf mich herab, nimmt mich in den Arm und liegt beebend über mir.

Der letzte Ausweg, der ihr bleibt.

Als sich unsere Herzen berühren, hört sie noch das leise Einrasten eines Schlosses. 

Schweißnass wache ich auf, ein Glück; bloß ein Traum. Die Identität mit ihrer Sterblichkeit, ihren Problemen, der Unausgefülltheit, dem Schmerz; ich gehe ins Bad, um zu trinken. Ich habe Glück, ich bin wirklich das 17 jährige Mädchen, hab schlecht geträumt. Schön, ein Ich zu haben.

 

16.2.09 22:11


Gepflasterte Straßen

 (Nach einem ungeschickten Fehltritt und darauf folgendem unfreiwilligen extremen Treffen meines Schädels mit einer Straße aus daraus entstandenen diversen Träumen und Visionen zusammengeschustert. Von Hanur Apelt.)

Pflaster verschließen Wunden, geben Zuversicht und lassen das Leben normal weiterlaufen, stellen zuvor geschaffene Ordnung erneut her.

Nach den Kopfsteinen, die trockenes und leichtfüßiges Vorankommen ermöglichten, schlossen wir die Lücken zwischen den Steinen, die Natur wurd ganz ausgeschlossen. Geteert, nicht einmal gefedert.

Gepflasterte Straßen sagen: Hier war schon jemand, der Weg ist sicher, keine Anstrengung, du bist in eine Welt geboren, die die wundenübersäte Welt pflasterte, damit du ohne Mühe über die Wunden wandern kannst, die du eh nicht mehr sehen kannst.

Pflaster decken nicht bloß die Erde, sondern zeigen auch, dass wir in einer Welt leben, in die der Durchschnittsbürer nichts mehr tun muss, sich den Weg nicht mehr erkämpfen muss, den Menschheitsgedanken des Fortschritts in weite Ferne gedrängt fühlt.

Gigantische Flächen Muttererde sind gepflastert, wir nehmen ihre Pflaster nicht an, wollen die klaffende Wunde an unserem Hinterkopf nicht wahr haben und pflastern stattdessen unsere

 

perfekte Mutter.

 

Eine nasse Wiese, ein hügeliger Acker, jeder hier würde eine gepflasterte Straße vorziehen.

Obwohl sie sagt: Du bist die Herrenrasse, obwohl du nichts dafür getan hast.

Geh weiter, du goldener Wurm.

 

16.2.09 21:35


Ob Gesundheit hilfreich ist?

 (von einem slovenischen Mann, kurz vor seiner Hochzeit)

Ob Gesundheit hilfreich ist?

Es ist, ganz ohne Frage, ein Geschenk. Doch das ist ein Lottogewinn auch.

Man hört auf zu kämpfen. Und selbst die, die nicht damit aufhören suchen sich Berufung in der Gesundheit der sie umgebenen Menschen und laufen Gefahr nicht mit der nötigen Vorsicht zu agieren um so wohlmöglich unabsichtlich die Gesundheit anderer aufs Spiel zu setzen.

Was, wenn das augenscheinlich Normale eine Krankheit ist?

Was, wenn das schändlich Abnormale, das ganz und gar unmöglich normale natürlich und unabänderbar ist?

Wenn man merkt, dass das Niedrigste, dies, was zu hassen man überwunden hat, in einem erwacht, einen ausfüllt und das Leben diktiert, ist guter Rat gefragt.

Es gibt kein Wipe-out der Seele, kein Neustart, kein Reboot. Nichts beginnt neu, der Kopf vergisst nicht.

 

 

Man stelle sich vor, man sei Gärtner und kenne den schönsten Garten der Welt, einen Garten, den zu besuchen gleich einer zeremoniellen Seelenwaschung Harmonie und Kraft der Seele spendet.

Ein Freund ist gekommen. Er steigt einfach über das Zäunchen, gibt ihr einen Kuss und setzt sich in den Garten. Er behängt das Zäunchen zwar mit prunkvollen Lametta und Klimbim, der Regen jedoch wird bald die nackten Latten entblößen.

Ein fremder im Garten der Träume sticht und ärgert.

Einen Freund jedoch kann man nicht töten, muss man helfen.

Ja, stark bleiben heißt es nun, stark genug um selbst Attacken enger Freunde wegzustecken.

Einen schlechten Menschen nennt man mich.

Doch wie der silberne Surfer bleibt mir keine Wahl.

Entweder ich gebe meiner Seele Frieden indem ich ihrer Seele Frieden gebe, oder ich gebe auf, werde niemals zur Ruhe kommen und lasse sie allein mit etwas, was sich zwar zeitweise verdrängen und leugnen lässt, letztlich aber zurück kommt und Verheerendes anrichtet.

Du siehst also, mir bleibt keine Wahl.

Geduldig zu sein fällt mir schwer. Sehr schwer, da ich etappenweise geduldig sein muss. Ich werde mich bemühen. Ich versteh auch nicht, warum sie niemals ins Zweifeln gekommen ist. Hmm.... das stimmt nicht, sie zweifelte, ging zum Doktor.

Vielleicht hab ich Angst davor zu erfahren, dass sie nicht das ist, wofür ich sie halte, was sie mir am Anfang bereits sagte.

Klar ist, ich will sie haben; das verschwommene Bild in meinem Kopf läst sich in meinem Alptraum auf und übrig bleibt nichts. Was will ich von ihr? Was ist es, was ich hoffe zu finden?

Was macht sie so einzig?? Was?

Werde ich, habe ich meine eigene Angst überwunden, enttäuscht?

Ist etwa die Endtäuschung der Preis dafür? Dass ich die emotionale Blockade aufgebe? Dass ich mitfühle(!) und mich hineingebe, mich der Gefahr des Schmerzes hingebe?

Vielleicht.

Niemand weiß das und so schwinge ich mich aufs Optimismusross, muss aber vorbeireiten oder absteigen, noch muss ich auf der Hut sein.

Hoffentlich kann ich ihr irgendwann die Hand reichen, sie aufsteigen lassen und mit ihr ins Abendrot reitend das suchen, wonach mein Geist sich seit mehr als zwei Jahren sehnt.

Es ist kein Sex, kein Kuss, den ich begehre, also sei unbesorgt; ich würd mich wahnsinnig freuen wenn’s klappt.

Dazu musst du aber stark sein.

Du hast die nötige Weichheit, den Humor, den Intellekt und vor allem die Höflichkeit, Freundlichkeit und Liebe für sie.

Fehlt dir bloß die Erweiterung deiner unkonventionellen Ader und vor allem Selbstvertrauen und Stärke.

Also! Wehe du enttäuschst sie!
21.1.09 22:04


Mit lichtem, wehendem Haar steht ein Mann am Ufer.

Sein Haar wallt durchnässt zu Strähnen gepappt an seinem Kopf, als wolle es weg weil es weiß, was jener plant. Es spannt sich, sodass jeder abfallende Tropfen nicht in den Fluten, sondern von feuchtem Lehm verschluckt und mit abermillionen sich vom Himmel stürzenden Artgenossen vermischt wird, aufdass sie sich den Weg durch Pfützen zu wühlen haben, die nicht schwärzer, doch schimmernder als die Nacht, die der Regen und die Wolken aus dem Tage gerissen haben, sind und Zweifel an der mondlosen Nacht aufkommen lassen, da sich zahllose Monde in den Pfützen finden und sich hinter den Wolken die Silhouette der Sonne erahnen lässt.

Es stürmt, die Bäume wiegen sich und halten ihre Blätter schützend nah gen Boden, der Wind peitscht die vom Himmel hämmernden Tropfen in sein Gesicht und hebt sogar die See, aufdass er wie flüssige Barbiermesser sein Leib zerschneiden solle, der See schlägt große Wellen und selbst der glitschig-schleim'ge Erdboden scheint sich aus der Wurzeln Verankerung zu reißen, so heftig zieht er an ihnen. 

Bloß der Mann steht starrer als ein Stein, mit Gewissheit als ein Schafrichter, am Ufer, in seinem Kopf keine Spur von Gelassenheit.

In ihm kreisen Bilder, Gedanken, Sätze.

Bilder mit Blut, Gedanken mit Grauen, Sätze mit Leid.

Es macht keinen Sinn, Charlotte war alles; denkt er und benutzt die schmerzvollen, ihm Tränen in die Augen treibenden Gedanken an gemeinsame glückliche Tage um seinen Entschluss zu untermauern und mit Blut zu besiegeln. Alles, der einzige Mensch, der ihm bleibt, wohnt, unerreichbar, hunderte Meilen weit weg, zu weit um es zu schaffen.

Bis dahin ist er längst tot. Er würde auf dem Grund des Sees Frieden finden, sich von gierigen Würmern denen sein modernder Körper ein Schmaus sei, zernagen und sich von Fischen mit Schlick und Schlamm bedecken lassen, in das faulige Bett zerfallener Prostituierten, die zu Moorleichen verfallen waren und ihm nun die Hand entgegen recken, in der Hoffnung ihr letzter Freier zöge sich das blutende Fleisch vom Gerippe um es dann in warmen Schlamm eingepackten Körper an die Knochen zu klatschen.

Sein Leben ist zu Ende, nichts hält ihn noch hier und trotzdem, trotzdem niemand weder seinen Abgang, noch seinen leblosen voll Wasser gesogenen Körper sehen wird, zaubert ihm der Gedanken an dieses pompöse, voll Schmerzen schreiende Szenario, dieses perfekte Sterbewetter, welches dunkler und passender nicht hätte sein können, ein Lächeln auf die Lippen.

Das war es!

Dieses Lächeln war der Impuls, der ihm fehlte, das letzte Korn am Strand, das ihn erst perfekt und lebendig machte. Nun war er sicher. Hier, jetzt und vor allem: SO soll es enden.

Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf die auf seine geschlossenen Lider und Lippen prasselnden Himmelstropfen, als er sich langsam, fast zögernd zu neige kippen ließ. Schon spürte er den Atem der Seeoberfläche, der ihm ins Ohr säuselte; er fühlte sich gut, halb in der Ewigkeit, halb an Land, doch dann taucht er ein, fühlt die Wärme der geschmolzenen Nacht, die ihn umschwappt, klammert sich an sein Herz, lässt aber bald los, da der Tod sein neuer Herr, die Vergessenheit seine neue Frau sein wird.

Die Gedanken in seinem Kopf werden leiser, der cremig weiche Grund rückt näher. Totenstille umfasst ihn, nimmt von ihm Besitz. 

Leise und weich schlägt er auf.

Jetzt ist es so weit, denkt er, nun wird er kommen und mich holen. Hundertfach gedehnt, donnernd und die Stille ausfüllend schlägt das Pendel seiner nun deutlich hörbaren Lebensuhr. Immer langsamer, dann herrscht Stille.

Zweifel beleben seine Seele und mit ihr kommt die Angst. Wird er nicht kommen? Wird er mich nicht holen? Werde ich hier allein, nicht einmal vom Tod beachtet, die Ewigkeit verbringen?

Plötzlich bewegt sich etwas, hebt und neigt seines Armes Haare, es fühlt sich an wie ein winziges Geschöpf, dass mit gar überirdischer Anstrengung zappelt.

Er reißt die Augen auf und... tatsächlich, dort kämpft sich in Todesangst ein zierliches Würmchen aus einem Apfel, den es zuvor angenagt.

Ein kleines Geschöpf, zum Tode verdammt, wohl achtlos oder gar aus Abscheu von einem kleinen Bengel in den See geworfen, unwillig mit dem Wurm zu teilen. Schande über mich, denkt er, der ich hier schwebend warte, ja sogar hoffend auf den Tod, wogegen dieses Geschöpf, vermeindlich niederer als ich, sich die kleine Seele aus dem winzigen Leib zu pressen gedenkt, bloß um dem lebendig sein ein wenig näher zu kommen.

 

Was maß ich mir an, Gott zu verspotten, das Leben verlassen zu wollen?

Nicht mehr wert, nein, weniger wert als dieser Wurm wäre ich. Ich, der ich die Macht habe sein Leben zu bewahren?

Er nahm den Apfel samt Wurm und schwang sich empor, hinauf zur Oberfläche an der er die Luft einsog als sei sie manifestierte Liebe, die seine Lungen mit neuem Leben erfüllt.

Er hält den Apfel in die Sonne, in dem der Wurm sichtbar erleichtert zappelt, er blinzelt verschmitzt durch die winzigen Tränen, denkt an seinen Bruder.

Er beschließt einfach los zu gehen, "heute scheint die Sonne." sagt er.

16.1.09 12:37


Seit je her, seit es Menschen gibt, gibt es Anführer.

Und es sind nicht die, die die Menschen lieben. Es sind nicht die, die sich Bürgermeister oder Stammesführer nennen, es sind die Menschen, die diese lenken.

Seit Jahrtausenden existieren sie, sind dazu da eine kleine sie umkreisende Gruppe durch unzählige kleine Explosionen in Richtung Wahrheit zu stoßen. 

Jene Lenker kämpfen in einer ewigen Schlacht gegen andere Lenker, die von der Wahrheit abgefallen sind.

Deren Machenschaften werden begünstigt durch die Eigenbewegung der Menschen, ähnlich einem Stein, der einen Berg erklimmen will.Jeder Lenker fällt in dieser Schlacht, jeder wirft seinen eigenen Körper gegen den Stein, aufdass er einen kleinen Schritt nach vorn kommt.

Immer wenn besonders viele Lenker ihr Leben geben, geht die Menschheit einen Schritt nach vorn.

 Immer wenn besonders wenige Lenker ihr Leben geben, geht sie einen Schritt zurück. 

16.1.09 12:15


Das Glück

Das Glück ist allen Lebewesen inne, es verbindet sie, hebt sie und leitet sie. Sei ein Lebewesen da, das von sich sagt, es sei nicht glücklich, so wirkt eine äußere oder innere Begebenheit auf es ein, die, da sie nicht ständig da und auch am Beginn nicht da gewesen ist, sich ändern und nicht nur verschieben, sondern gar auflösen lässt, da es weder fürs Leben notwendig, noch hilfreich sein kann, da das reine Glück freie Sicht und somit klare Verhältnisse schafft, die zum Lösen und damit zum Aufheben der übergestülpten Wirklichkeit von Nöten ist.

Ist es eine äußere Begebenheit wirkt sie wie ein Feind, dessen Besiegen das Ziel zu sein glaubt, welches nur durch übermenschliche Kraft oder gar nicht zu besiegen sei. Vielfach haben diese Feinde eine Schwachstelle.

Die zu entdecken ist das eigentliche Problem der Inangriffnehmung. Ist kein Spiegel aufgestellt ist es hilfreich sich Hilfe von außen zu holen. Diese andere Person kann die Schwachstelle des Feindes ausfindig machen, ja meist liegt sie ihm offen dar.

Scheint der Feind jedoch keine Schwachstelle zu haben, scheint unbesiegbar zu sein oder ist man der Meinung, die eigene Kraft reiche nicht aus, ist es meist eine innere Begebenheit, die auf einen wirkt.

Dieses Unglück zu lösen ist einfacher, jedoch erfordert es mehr Mut.

Zum Einen ist es durch eine simple Bewegung vollbracht; hier kommt einem die Verschränktheit des Geistes zu Gute. Der Geist ist verknäult und gibt so nur Blick durch ein Fenster frei. Entknäult man den Geist, entfaltet er sich, sodass man sich ein neues Fenster suchen muss. Das reicht meist aus. 

Jedoch braucht es Mut den Geist zu entknäulen und das Fenster zu wechseln, denn es könnte z.B. der Fall sein, dass der beste Freund, die liebste Tätigkeit oder der eigene Sinn des Lebens plötzlich an anderer Stelle steht.

Hier gibt es kein "entweder - oder", es gibt nicht dieses oder jenes Fenster, es gibt bloß das alte und das Nächste. Ist der beste Freund im nächsten Fenster ein Unmensch, so war es nicht der falsche Weg, das falsche Fenster. Wenn es die Lösung des Anfangsproblem preis gibt, war dein bester Freund schon immer ein Unmensch.

Das ist nicht traurig.

Nur wahr.

16.1.09 12:04


Ich glaube, meine Mutter hat bei meiner Erziehung alles richtig gemacht.

Gut, ich kann weder kochen noch vernünftig essen, bin in Bezug auf meinen Kram nicht grad ordentlich und hatte nie gespült, gewaschen, gebügelt, im Garten gearbeitet oder sonst irgendwelche Fühigkeiten erworben, einen funktionierenden Haushalt zu managen. Dies hab ich jedoch im Zuge einer radikalen Umstrukturierung der Wohnverhältnisse geändert, nun kann ich auf das Wissen eines reiferen Ichs, auf ein versiertes Mädchen und dessen Lehrerin zurück greifen.

Doch die Erziehung meiner Mutter hatte, ob beabsichtigt oder nicht, dies alles geplant.

Von frühster Kindheit an lernte ich, dass die Welt weder fair noch gerecht ist, dass man auf die ordnenden Instanzen nicht vertrauen kann, dass gutes Handeln selten Vorteile bringt und man einzig darauf hoffen kann, dass Gott diese Taten anerkennt oder dass irgendwann, und sei es in einem anderen Leben, sich diese Taten zu meinem oder jemand anderem Vorteil gereichen.  Kurz gesagt, ich hatte einen jüngeren Bruder.

Ferner lernte ich mit der Zeit, dass ich nicht bloß für mich, sondern auch für die Zukunft anderer Menschen verantwortlich bin. diese Erkenntnis entwickelte sich mit dem Bewusstwerden etlicher angeborener wie erlernter Fähigkeiten bezüglich der Manipulation meines Umfeldes.

Meine Mutter stellte keine ordnende Instanz dar, aber eine mahnende und teilweise begrenzende. 

Sie ließ mich fallen - aber nie sehr tief.

Ich war also meine eigene Instanz, lernte so auf teils sehr einschneidende Weise, teils auf sehr schleichende Weise mit dickem Ende, wie weit zu weit für mich und wie weit zu weit für andere war. Auch hörte sie mir nie richtig zu und ich stieß sehr häufig auf eine unlogische, naive und kurzsichtige Denkweise, das hat mich zwar den Glauben an Gerechtigkeit und logisch nachvollziehbare Wahrheitsfindung genommen, bereitete mich aber sehr gut auf das Leben in- und mit der Menschheit vor.

Ich probierte vieles aus, von Drogen über Anpassung und Rebellion bis hin zu Irrglauben, Religion und hochnäsigem Mensa-Denken.

Alles pendelte sich allmählich ein, die Extreme verschwanden zusehens, denn wie bei einem Flummi lassen ihn Grenzen nur noch extremer zurück prallen.

Ich danke ihr dafür, denn im Prinzip war sie ja für mich da, wenns hart kam. Ansonsten lernte ich meine Meinung darzustellen und sie durchzusetzen. Ich lernte, dass ich was besonderes bin, dass mir niemand diese Besonderheit wegnehmen könne, dass ich das Leben selbst bin und dass vieles was man dir erzählt 

übertrieben oder schlichtweg gelogen ist.

11.12.08 16:02


Mein Leben lang klettere ich diesen Baum herauf, an dessen Spitze man seine hundertfach geteilte Person von der Sonne nähren kann.

Doch vor 5 Jahren kam ich in lichtere Äste und musste feststellen, dass die, mit denen ich mich bei der Räuberleiter abwechselte, entweder an irgend einem Ast sitzen geblieben sind oder in die eine oder andere Richtung des Baumes weiterkletterten.

Man kann nicht nach oben blicken, also weiß man auch nie wie weit es noch zu klettern ist, doch auch wenn man die Wärme der Sonne spürt, muss man weiter klettern, bis man an einigen Stellen auf Äste tritt, die nur jemand unbeschwingtes, jemand leichtfüßiges tragen kann, dessen Stirn weit genug ist den Apfel an dessen Ende nicht einzeln zu sehen, sondern den gesamtes Ast bis dort hin überblicken kann. 

Teile von mir sind bereits da und lassen die Äpfel in der Sonne reifen, während andere Teile die weit aus höheren Äste der Krone suchen. Da ich mittlerweile fast allein da oben bin und die Sonne das Klettern mittlerweile viel angenehmer macht, war ich der Meinung fast da zu sein.

"Ach, wie weit man hier gucken kann..." sagte ich auf einen Ast gesetzt.

"Tsss... kletter lieber noch, Kleiner!" rief ein Mädchen von oben, welches ich ja nicht sehen konnte, dessen Stimme aber hochtrabend und unsicher zugleich wirkte, was aber durch ihre traumhafte Stimme freundlicher wirkte, mich aber dadurch noch mehr verunsicherte. Wahrscheinlich war sie da oben auf den etlichen Ästen auch teils alleine. Nun war ich bei den allermeisten Ästen an der Frucht angelangt, doch was geschah, war alles andere als das ruhige Lehnstuhlliegen in der Sonne und das Vertilgen der Früchte.

Die Scheinfrüchte verschwanden und aus den filigranen Ausläufern der kleinen Ästchen erwuchsen nahtlos kleine Wurzeln, auf die ein Baum fußte, welcher weitere Griff- und Trittmöglichkeiten bot.

Die sonnengereiften Früchte ließen die Wurzeln schnell wachsen, weswegen ich mich nun an den Stamm des zweiten Baumes klammere, um einiges härter als der erste, doch wenigstens wackelt er nicht.

Es wird immer tiefer nach unten, wahrscheinlich gibts da kein Limit und wahrscheinlich würde ich noch andere da oben finden. Für den Moment genügt mir aber die verführerische Stimme von oben.

Ich hoffe sie sagt mir ein paar Tritte an und schweigt über Löcher und morsche Äste.

11.12.08 15:51


Als ich gestern im Helikopter saß um zurück zu fliegen, passierte mir etwas eigenartiges:

Ich saß, beide Schiebetüren offen, mit dem Rücken zur Luft und sprach mit Steven, als ich einen Gedanken hatte, dessen Lösung nicht im Helikopter noch an einem anderen Ort zu finden war.

"Was wirst du tun, wenn du endlich wieder zu Haus bist?" fragte Steven, "Also ich werde sofort mit mein..."

Mehr bekam ich nicht mit, ließ mich wie ein Taucher nach hinten fallen und ließ den Windchill meine Tränen wegreißen.

4000 Meter trennten mich vom Boden, es sollten die erkenntnisreichsten Augenblicke meines Lebens werden.

Es war, als stiegen die ungelösten Probleme der Welt zur Exosphäre auf, wo sich gleiche zusammenfinden und zu glühenden Punkten am Nachthimmel erstarren, bis sie jemand löst. Mir jedoch schossen Gedanken durch den Kopf, es würde jemand geben, der über uns alle wacht, dessen Ebenbild sich im Himmel und im Meer spiegelt, dessen Existenz niemand beweisen, doch auch niemand leugnen kann, denn sein Gesicht ist immer da.

3000 Meter und keine Spur von zweifelnden Stimmen, sie mussten sich wohl in solcher Höhe verflüchtigen. Doch konnte das sein? Waren Zyniker und Irrealisten so desillusioniert angesichts eines Meers an Fragen? Mein Weltbild schien zerrüttet, die Opposition MUSS existieren, sie gewährleistet die Existenz der Meinungsdiversität, wie kann jemand gesunden Halses Gelegenheiten verpassen, die zu verpassen er nicht mächtig ist?

2500 Meter

Das Aussteigen aus dem Helikopter war das wohl brillianteste in meinem bisherigen Leben. Nie hatte mich etwas mehr Kraft gekostet und gleichzeitig so viele Früchte an einem Baum reifen lassen, dessen Entität ich mir nie bewusst war.

2000 Meter

Freifall hatte ich mir anders vorgestellt. Was ich nicht ahnte: Man fällt viel länger als man glaubt. Was ich zudem nicht ahnte: Ich brauchte viel länger zur Erkenntnis als ich dachte, weswegen es wahrscheinlich gut war, dass es so lang dauerte. Wesentliche Dogmen des irdischen Lebens fielen von mir ab, je näher ihre Masse mich zog.

"Weißt du, was der Unterschied zwischen Romantik und Naivität ist?"

Mutter?

"Es gibt keine Romantik, nur Momente, die mehr oder weniger blenden."

Scheinbar war die Luft hier oben so dünn, dass Gedanken noch Jahre später umherschwirrten, wie das Licht längst vergangener Sterne machen sie sich wichtig, sind weder gut noch konstruktiv, geben bloß Aufschluss darüber, wie viel in der Vergangenheit falsch gemacht wurde.

1000 Meter

War ich in der Falle? War der einzig geniale Ausweg eine Falle des Schicksals, die jene fängt, die es wagen, die Opposition des Lebens zu ergreifen, welche immerdar, obgleich nie mit Geist behangen, die Schöpfung anklagt sich selbst zu peinigen? Wie viele mussten der schrecklichsten aller Fallen aufgesessen sein?

700 Meter zwischen mir und meinem Schicksal.

Doch war es überhaupt mein Schicksal? Die Träume eines anderen zu träumen hat manch wundervolles Werk getan. Doch auch genau so viele Welten zerstört, wie beseelt. Wie sicher bist du, wenn dein Leben nicht bloß ein Traum ist, sondern der Traum eines anderen? Wirst du den Traum erfüllen? Versuchen aufzuwachen?

Kannst du aufwachen?

500 Meter

Niemand weckt dich, wenn du im Schlaf lächelst

300 Meter

Mein Leben ist vertan, ich entschied fehl, nichts kann mich noch retten. Dabei waren meine Ziele so selbstlos, so voller Güte. 

100 Meter

Ich werde sterben. Werde den Boden mit meinen Gedanken pflastern, auf dass sie weiterkriechen und ihren Odem der letzten träumenden Ameise des Haufens einhauchen. Möge sie es schaffen.

50 Meter

Ich werde meine Frau küssen, Steven! Ich werde meinen Sohn beim Fußball gewinnen lassen, mehr im Haushalt helfen und mich aus Kämpfen heraushalten!

30 Meter

"Dreh dich um" flüstert Kristina.

20 Meter 

Bevor ich realisierte welch süße Stimme meinen Tod versüßen soll ist mein Kopf umgedreht, er sieht in die Sterne, sieht am Firmament etwas kleines fliegen.

10 Meter

Ist sie es, die hinter mir her springt? Ist sie bereit das Flugzeug zu verlassen?  Fällt man zu zweit nicht doppelt so schnell?

1 Meter

Jetzt sehe ich es. Dort oben bin ich, ich lasse mich gerade aus dem Helikopter fallen.

4000 Meter trennen mich vom Boden...

26.11.08 21:42


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