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Die Andacht

Begleitlied für den Text

http://www.youtube.com/watch?v=8zuuwG7NuPk

 

 

Es ist Donnerstag der 17. Februar, und die Vögel haben aufgehört zu singen.

 

Für ihn jedenfalls, für mich singen sie Trauerlieder, die wie das letzte Nachglimmen die Herzen jener erreicht, für die sie mehr war als eine Frau. Mehr als eine Schwester, eine Mutter, eine Freundin, eine Großmutter. Wie die übrigbleibende Spannung der Luft, wenn der große und gute König diese Welt verlässt. Sein großes Sein verhallt noch im Raum, während sich Sorge um die Zukunft breit macht. Wird es je so sein wie es jetzt ist? Das wird es nicht. Und das spürt selbst der Hund ihrer Enkelin, der betroffen zu Boden schaut.

Das kalte Februarlicht scheint wie im Juni auf die schneebedeckte Kirche, ohne die klirrende Eiseskälte ein bisschen erträglicher zu machen oder den großen Eiszapfen Angst machen zu können, die dem Schnee der Kirche einen Ausweg bieten; wegzufließen vom gläsernen Dach der Kapelle, den Weg der Sonne freizugeben um selbst nicht bloß die fröstelnde Decke zu sein, nicht loslassen zu wollen, sondern am Rand des Geschehens die glücklichen Tränen spiegeln, die dich hier heimlich von hinten anschauen.

 

"Meinst du Sebastian wird kommen?" fragt er mich.

"Woher kennst du ihn?" frage ich den alten Mann, der sein Lächeln schon vor Langem verloren hat, es für mich aber immer wieder rauskramt. Kaum zu glauben, dass fast 70 Jahre vergangen sind, ohne dass er für mich an Charme verloren hat.

"Von ihrer Beerdigung." sagt er, er meint ihre Schwester, vor Urzeiten ausgewandert und schon mit 67 gestorben.

"Du warst doch gar nicht da. - oder?"

"Doch." sagt er, das Gesicht nach rechts gewandt und Tränen unterdrückend. "Ich konnte euch doch nicht allein lassen."

Ich bin gerührt von seiner Art, doch ich frag mich, ob ich da überhaupt eine Rolle gespielt habe. Ich wünschte ich wäre ihm nur halb so wichtig gewesen, wie sie es für ihn war.  Manchmal habe ich Zweifel. Doch dann legt er mir seinen alten Arm um die Schulter und sucht halt bei mir.

 Ich nehme mit meinem Freund in der ersten Reihe Platz, auf der linken Seite, zu meiner Rechten, direkt nach dem Gang ihr Mann mit Schwester, ich sehe nur kurz rüber und beneide ihn fast um seinen Schmerz, da fällt die Sonne durch das große runde Fenster hinter uns, erhellt den Boden auf den wir alle stieren, will die Tränen funkeln sehen, doch es sind keine da, ihr Mann wahrt "Fassung", mein Freund vergab seine bereits, ich finde, sie hätte es nicht gewollt und der Rest wartet entweder auf die Ansprache des Priesters oder hat sie nicht wirklich gekannt.

Es liegen ein halbes Dutzend Kränze um den Sarg, einer von uns, ein adrettes Gesteck von ihrem Mann, ein gelb leuchtender von ihrer Tochter mit Kindern, einer von  ihrem ältesten Sohn mit Frau, einer von Barbara, der liebenswerten Nachbarin und ein besonders liebevoller von ihrem Bruder.

Auf unserem steht "In stummer Bewunderung", ein paar Blüten ragen über das letzte Wort, doch wir beide wissen, dass auch Wunder nicht unsterblich sind.

Das Pult des Pfarrers steht auf der rechten Seite, bloß einen Schritt zur Wand von dort ; plötzlich ertönt Orgelmusik, die mir ins Mark geht. Währenddessen geht der Priester langsam an seinen Platz.

"Wir sind heute hier zusammen gekommen um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Wir wollen ihr gedenken als dem fröhlichen Mensch, der sie war, als dem humorvollen Mensch, der unser Münder zum Lächeln brachte, denn es war nicht zuletzt ihr Humor, der ihr bis ins hohe Alter Kraft gegeben hat all die schlechten Dinge im Leben ein bisschen leichter zu nehmen.

Sie war liebende Mutter sowie liebende Großmutter zweier großartiger Enkelkinder, deren Volljährigkeit sie noch erleben durfte.

Danken wir dem Herrn, dass wir eine Frau mit ihrem Herzen kennen durften....."

Irgendwann schweifen meine Gedanken ab in weite Ferne, so weit, dass sie irgendwann wieder am Anfang angekommen sind und in meinen Kopf weinend in ihren Armen liege, sie die Fragen frage, die  scheinbar ohne Wert in meinem Kopf rumlagen, egoistischer Natur sind; und doch ausgesprochen werden müssen.

"Wieso warst du all die Jahre so zu mir? Was war da? Wieso hast du dich niemandem anvertraut? Wieso ließest du mich nicht helfen? Wieso lässt du mich jetzt allein?" weinen meine Gedanken, während Pastor Knipp Jesus dafür dankt, dass er während ihres Lebens auf sie Acht gegeben hat.

Jetzt weint ihre Tochter, die die ganze Zeit schon die Taschentücher griffbereit in beiden Manteltaschen stecken hat, sehr bitterlich.

Wie konnte ihre Mutter sterben? Die Frau, die ausser sich selbst und ab und zu ein paar Kekse nicht viel zum leben brauchte und diese Souveränität auch ihren Kinder weitergab, die nach den ersten fünf Minuten auf dieser Welt diese verstand und einfach das beste draus machte?

Meine älteste Freundin ist tot.

 

66 Jahre kannte ich dich.

 

Was ist aus diesen Jahren geworden? Es fühlt sich an als hättest du bloß einen Tag davon verschwendet mich dein Leben kennen lernen zu lassen.

 

Wer bist du?

Ich habe Angst dich zu vergessen - noch bevor die Bestattung vorrüber ist.

 

Ich frage mich kurz, ob dich überhaupt einer kannte; doch dann erblicke ich ein Funkeln in den Augen deiner Tochter, ein Funkeln, welches ich bloß einmal zuvor gesehen hab, selbst durch die Tränen sichtbar strahlt es mit ungebrochenem Glanz.

Mein Gefährte hat mitlerweile meine Hand in Besitz genommen.

Er zittert.

Nun ist der Pastor fertig. Mein Freund redete vorher mit zwei von den  Männern, die den Sarg tragen und sie überließen uns ihre Plätze.

Jeder Schritt näher auf sie zu war ein seltsamer Schritt, kann ich dich halten? Wir sind beide 84, er rüstig, ich stabil, doch reicht das?

Tragen wir mit dir auch deine Sünden? Oder deine Wunder?

Der Griff fühlt sich warm an. Fast wie eine Hand, die Mut zuspricht, ich denke ich schaffe das. Ich muss. Ich werde. Mit deiner Hilfe.

Jetzt wird der Sarg angehoben, er ist schwer. Unendlich schwer. Das kann ich nicht, hilf mir. Oh Gott hilf mir, ich drehe mich zu meinem Freund um.

"Sie ist nicht mehr da" steht in seinen glasigen Augen.

Mein Herz rast, ich schwitze plötzlich, da geht es los. Für mich unendlich langsam, es scheint ewig zu dauern, bis wir an der ersten Stufe von dreien angelangt sind, die von der Altarregion herab führen. Ich kann nicht mehr lange, die Zeit verschwimmt; wann hab ich das letzte Mal ne Stunde lang 100 Kilo geschleppt? Muss 30 Jahre her sein - wenn nicht länger.

Ich halte dich, plötzlich wird es heißer, was ist das? Ich sehe in die Sonne und auf einmal wird der Sarg ganz leicht. Fast zu leicht, vielleicht stehe ich kurz vor dem Zusammenbruch, lasse mich gleich mit eingraben.

"Es wird alles gut..." flüstert es plötzlich.

 

Bist du es?

 

Ich sehe mich um und erblicke deine Enkelin. Sie sagte es zu deiner Tochter, die angefangen hatte zu weinen, als der Priester deinen Tod ansprach.

Ich habe keinen Sohn. Keine Enkel. Keine Tochter, Keinen Urenkel.

Doch wollte ich auch nicht so viel Leid hinterlassen.

Wir schreiten jetzt durch die Tür, ich bade im Licht, tanke Kraft, tanke dich.

Sofort suche ich die weißen Bäume nach Vögeln ab, die mir Kraft zusingen, da entdecke ich zwei, die verstummen, während sie mich anzusehen scheinen. Dann fliegen sie weg und lassen uns allein, da wird mir bewusst, wohin der Marsch eigentlich geht.

Das Ende. Die letzte Station.

Die Nachbarin ist fein angezogen. Sie vermag es ihre todschicken Hüllen so dezent zu präsentieren wie kaum eine zweite.
Obwohl sie hinter mir geht vernehme ich ihren Geruch.
Der Duft zeitloser Grazie, ein Hauch von silberner Haut, die durch ein standhaftes Leben in marmorgleicher Mine poliert wurde.
Sie war sich ihrer Tage stets bewusst, wusste, wann sie glänzen musste und wann funkeln.
Elegant ging sie durch Tage, die jeden anderen verwüstet hätten.

Wie warst du dir deiner Tage bewusst. Rückblickend, nicht erinnernd. Ich wünschte, ich könnte dich fragen. War es nicht trotz der Rückschläge und Niederlagen ein Leben, welches dir gerecht wurde? Bist du mir reinem Gewissen hindurch gegangen? Ich wünschte, du könntest mir noch einmal die Bestätigung geben, dass dein strahlendes Leben gerecht war - vor dir.

Der Wind frischt auf und weht mir einen Schleier kleiner Schneekristalle um die Beine, die mich nach vorne zerren. Ich trotte müde hinterher.
Jetzt ist es bloß ein paar Meter, dann heißt es bon voyage.

Die aufgebrochene Erde ist hübsch dekoriert. Mit Kunstrasen überdeckt und mit stählernen Stegen, damit wir alten es nicht so schwer haben beim Herablassen.
Ich sehe zu meinem Freund, auch für ihn war der Marsch nicht leicht. So nah wie in diesen Augenblicken ist er ihr seit Jahren nicht gewesen.
Ich sehe auf seine Hände, die wie meine das Seil umklammern.

Lass los alter Mann.

Urplötzlich donnert es und die trauernden Familienangehörigen verstummen für einen Moment.
Als sie fast den Boden erreicht hat, geht uns starker Wind durch die Leiber. Der Himmel zieht sich zu und kündigt einen Sturm an.
Hier und da fällt Schnee von den Bäumen und der Sarg geht zu Boden.

Der Priester versucht sich zu sammeln; er kannte sie gut und ringt mit seiner Beherrschung. Nach einem kurzen Wort überlässt er das letzte Wort den Trauernden. Ihr Mann geht als erstes nach vorn, mit eiserner Mine blickt er den Sarg an, bewahrt Fassung, wirft mit einer kurzen Bewegung Erde in das Loch und bekreuzigt sich.
Wir stellen uns ganz hinten an, gleich nach der Nachbarin mit ihrem Mann.
Es dauert eine Weile bis wir dran sind. Wir schweigen beide, während der Sturm sich breit macht und uns Schneeregen durch die Haare reißt.
Als wir dran sind sind die meisten schon auf dem Weg ins Trockene, das Grab sieht nun ganz anders aus. Verlassen und isoliert von den dröhnenden Massen, die uns um die Ohren sausen trauern wir und sprechen unsere letzten Worte.
Mein Gefährte hat vor Jahren bereits eine Rede geschrieben und kein Schneesturm der Welt würde ihn um die Ehre bringen können sie auf ihrer Beerdigung zu halten.
Ich rücke nah an ihn heran um ihn überhaupt hören zu können, es war eine der schönsten Reden, die ich je gehört habe.
Mein Freund fängt an bitterlich zu weinen. Ich stütze ihn und helfe.
Dann fange auch ich an zu weinen.

'Um dir Lebwohl zu sagen braucht man mehr als nur ein Herz' hat er gesagt.

Wir umarmen uns zu weinen das, was unsere Herzen hergeben.
Nach einer Weile stoppt der Sturm und die Sonne lugt hervor, trocknet unsere Tränen und gibt Licht.


"Ich hab einen Brief bei ihr in der Wohnung gefunden. Sie muss ihn wohl schon vor Jahren geschrieben haben." sage ich mit salzigen Wangen, während ich in meinem Mantel krame.
"Er ist für dich."
Während ich ihm den Brief gebe höre ich, wie zwei Vögel hinter mir landen und anfangen zu singen.
Tränen rennen ihm aus den Augen als er den Brief liest.
Es stand bloß da:

"Ich hab dich sehr lieb gehabt"

 

29.1.10 14:05
 


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