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Das Fallen - von Hanur Apelt

Ich wünschte, ich wüsste nicht mehr, was mich stieß.
Doch ich falle.
Bin auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde, dieses Loch scheint bodenlos, scheint so vertraut, der Plan so vollkommen, dass nichts schiefgehen kann.
Der Fallschirm liegt bereit, kurz bevor ich da sein werde, liegt er deponiert.
Alles war perfekt, das Fallen so spannend, ein endlos langer Schauer, der mir den Rücken runterschießt, mir das Herzklopfen eines Gejagten, das Gesicht eines Jägers und die Zuversicht eines Königs beschert.
Je näher ich dem Mittelpunkt komme, desto kälter wird es, der Schauer auf meinem Rücken gefriert darauf, schnürt mich ein, ich mache mir keine Gedanken, das warme Feuer des Zentrums wird mich schmelzen, mich eins machen mit ihm, dem ewig warmen Feuer der Geborgenheit.

Schon so manches Mal stieß mir die Erde, in die ich zu fahren gedenke scharfkantige Wurzelspitzen zwischen die Rippen, ließen mich bluten, das Blut sofort zum Mittelpunkt fahren, mit einem leichten Zischen verdampft es darauf wie Irrlichter, leitet mich, lässt mich mich zufrieden fühlen.
Diese Wurzeln gaben mir den Verdacht, dass die Erde mich nicht wollte, mit der ich eins sein wollte, dass sie mich bloß aus Gefälligkeit passieren ließe, sich den Thrill geben ein menschliches Wesen durch sich hindurch fahren zu lassen.

Bin vor mehr als zwei Monaten gestoßen worden, eine gewaltige Erde, so groß und weit, dass es ein Leben bräuchte um ihre Oberfläche kennen zu lernen. - Oder mehr.

Doch ich bin auf der Suche nach ihrem Kern, nicht ein jeder wird dort hinein gelassen, oh nein, es bedarf schon einer göttlichen Fügung, dass man der Auserwählte sein würde.
Ich jedoch war sicher, dass es kein Zufall sein kann, kein böser Schicksalsschlag, dass genau ich hinein gestoßen wurde.
Ich würde mein Glück dort unten finden, dessen war ich mir gewiss.

So rase ich mit reißender Geschwindigkeit auf das zu, was meinem Leben Sinn geben wird, meiner Reise Inhalt.

Plötzlich schwebt ein großer Brocken vor mir, ein Teil der Erde, die von mir Besitz ergriffen hat, mich buchstäblich umgiebt, umschließt, mein ganzes Sein bestimmt.
Doch statt gegen mich zu rasen, scheint die Welt mir ihre Hand entgegen zu strecken.
Voller Enthusiasmus nehme ich sie, diese Hand, die mir das Paradies erhellt, mir zärtlich warm ins Gesicht haucht, dass alles gut würde, dass egal wie schlimm die Umstände gegen mich ständen, diese Hand alles ist was ich brauche; dass ich alles bin, was sie braucht.
Wie sehr ich alleine diese Hand liebte, die mir so plötzlich wieder entrissen wurde, so plötzlich und ohne Vorwarnung wieder in die von mir vergötterte Erde fuhr, wie sie mir erschienen ist.
Seit ich vor einer Woche diese Hand Gottes, der Mutter Erde Hand halten durfte, erhellte sich mein Ziel, ich war fast da, ja sogar Freudentränen schenkte ich ihr, die ebenfalls zischend auf der Oberfläche ihres Zentrums verdampften, ein wenig die Dunkelheit erhellten und mich in warmen Dampf hüllten, der von ihrer Mitte aus emporstieg, mich in den Dunst hüllten,

geliebt zu werden.

Nach zwei Monaten konnte ich nicht anders als zweifeln. Als ich die Hand Gottes in Händen hielt, zweifelte ich daran, ob ich den Sturz überleben würde, ob ich den Fallschirm schnell genug packen könnte.
"Ich habe Angst." flüsterte ich der mich streichelnden Hand sanft auf die Finger.
Da erfuhr ich das erste Mal eine Reaktion von ihr, von Mutter Erde.
Sie schloss für einen Augenblick ihre Augen, nahm mir das hinterhereilende Licht, hüllte mich in sich ein und flüsterte mir leise ins Ohr:

 "Ich auch."

Dann öffnete sie sie wieder, meine Vergangenheit wurde hell, die Zukunft gewohnt in blumige Schwärze gehüllt.
Wer oder was auch immer mich gestoßen hat muss mich enorm lieben, eine schönere Zukunft hat niemand auf der Welt vor sich.

Nachdem ich nun zweieinhalb Monate falle wird es langsam immer und immer wärmer, ein warmes und weiches Gefühl spült meinen Körper durch, erreicht jede Pore, verbindet sie mit der so geliebten Erde, jenem vollkommenen Wesen, welches sich erbarmen würde sich mit mir, einem ihr nicht würdigen Menschen, einzulassen.

DA! Da vorne, nur noch wenige dutzend Minuten freien Falls entfernt erkenne ich bereits den Fallschirm! Man hat mich nicht betrogen, der Himmel existiert wirklich, alles war wahr, ich bin der glücklichste Mensch der Welt! Wie würde ich mich wohl bedanken bei ihr, der Welt, der ich unendlich dankbar bin, der ich mein Seelenheil verdanke, der ich meine Liebe schenken werde und sie niemals im Leben wieder unglücklich sehen wollte? Wie bedanke ich mich bei dem Engel, der mich hinabstieß auf diese wacklige, heiße und kalte, wohltuende und schmerzende Reise zum Ende meines Darseins als Hungernder?

Doch was ist das? Nein! NEIN! Nein das kann nicht sein, wenige Minuten vor mir schließt sich die Erde, das Loch wird versiegelt, ich bin verraten, verkauft, hinabgeworfen auf eine Reise ohne Wiederkehr!
"Bitte lieber Gott" bete ich, "bitte lass nicht zu, dass das Wesen, welches ich für unfehlbar hielt, was mir und meiner Seele Frieden geben sollte, mich nun verlässt!
Oh Gott lass nicht zu, dass ich hier unten sterben muss; dass ich so kurz vor dem Ziel die Strafe erhalte, die für keine Tat angemessen wäre!
Bitte Gott, Bitte Mutter Erde.... lass mich nicht im Stich." weine ich.

Vergebens, die letzten Sekunden vor dem Aufschlag waren die Schlimmsten, ich sah die hässliche mich auslachende Fratze Mutter Erde, die mich von oben, von unten, von allen Seiten, ja sogar von den Innenwänden meiner Seele, meines eigenen Kopfes auslacht, sich umdreht und mich allein lässt im Dunkeln.

Dann schlage ich auf.

Breche mir das Rückgrat.

Und doch wird es mir nicht vergönnt mein Ableben zu bestreiten, ich bleibe liegen, das gebrochene Rückgrat bohrte sich in meinem Kopf, Teile meines Kreuzes splittern in meinem Kopf, einige drehen mir den Magen um, manche stoßen durch meine Muskeln, nehmen mir die Fähigkeit zu wüten, machen jede Bewegung unerträglich. Wieder andere fahren mir aus der Haut, durchstoßen meine Hände und binden sie an die, die mich nicht will. Nie wollte. Doch am schlimmsten sind jene Splitter, die mir durchs Herz brechen, sie stoben umher, reißen kleine Stücke heraus, setzen sich zwischen die Fasern und bereiten mir nicht aushaltbare Schmerzen, wenn ich einatme, wenn ich SIE einatme; der Geruch ist hier unten am Stärksten, direkt vom Zentrum strömt der süße mich verführende Geruch hinauf, legt sich in meine Nase und sticht mir in den Leib, wenn ich ihn einatme, wenn ich in mich fahren lasse, was mich nicht lässt.

Ich bin nicht tot, bin zweieinhalb Monate gefallen um hier auf dem Boden der Tatsachen nicht zu sterben, viel schlimmer noch: Ich sehe nach oben, da lacht mich die Oberfläche an. Dort muss ich hin.
Ich reiße meinen Körper nach oben, breche die Splitter aus meinen Händen, die mich an sie ketten, stoße einen unsäglich schmerzhaften Schrei des Leides aus. "AAAAAAAAA" schreie ich riesige eiskalte Tränen weinend.

Will hassen, jede Bewegung verursacht mir Knirschen in den Gliedern, doch ich schwinge mich an die warmen Wände der Erde, der ich nicht verzeihen kann und will töten.
Will jenen töten, der mich hinabstieß, will Vergeltung für zweieinhalb Monate des Fallens, will Entschädigung für den viele Monate lange dauernden schmerzenden Aufstieg aus der Höhle, die mich vergaß. Ich werde ihm die Zähne einzelnt zertrümmern, ihm Hass ins Gesicht husten und ihn danach selbst hinabstoßen. Hier hinunter, in die verschlossene Höhle der Wunder.

Mehr als einen Tag schleppe ich mich erst mühselig nach oben, so viel Zeit noch vor mir, so viel Phantasie was die Rache angeht. Ich klettere flink, klettere heulend hinauf, haue meine Pranken rücksichtslos in die mich verratenen Wände, bohre mich tief in sie hinein, suche den mir verwährten Halt, immer die Rache vor Augen, die mich antreibt und die Schmerzen vergessen lässt.

War es vielleicht Mutter Erde selbst, die mich stieß? War sie es, der ich mein Leben der Vergeltung widmen werde, die weder Recht noch Unrecht für andere kennt?

Nach 3 Monaten des Kletterns komme ich an der Stelle an, an der sich die Hand der Mutter Erde gelöst hatte, das Loch in der Wand ist wie ein Spiegel, in der ich mein in Fetzen liegendes Herz sehe, jedenfalls den Krater, der mal mein Herz war, das mir heißes liebendes Blut durch die Adern presste, mich motivierte, mich vom Zweifeln abhielt.

Plötzlich wird mir gewahr, wer mich damals stieß, ich sehe sein Gesicht vor mir, der Anblick raubt mir die Stärke, mein Kraftloser Körper verliert den Halt, lässt die nach oben führenden Wände los und fällt abermals. Dieses Mal sind es jedoch die Schmerzen, die den Fall bestimmen, es ist eine große Gewalt, die mich machtlos macht, mich unfähig macht an Glück zu denken, jemals die Aussicht darauf zu haben.

Ich schlage abermals auf dem Grund auf. Macht nichts, mein Rückgrat ist längst gebrochen, die Splitter lassen meinen ganzen Körper bluten - von außen wie von innen - ich stehe mit vom Weinen ausgezehrten Augen am Grunde meines Darseins, am tiefsten Punkt meiner Seele und starre mit diesen schmerzend nassen Augen nach oben, weine um mich, fühle den Schmerz weit über meinen Leib verteilt und packe erneut die Wände, dieses Mal kraftlos, ohne Hoffnung.
Denn ich sah nun, wer mich stieß.

Ich stieß mich selbst.
23.7.10 22:32
 


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